Im Grunde kann mir Claudia Pechstein schnuppe sein. Und ihre 5 bis 6 Liter Blut auch. Und erst Recht das, was sie meint, mit diesen 5 bis 6 Litern Blut alles machen zu müssen, um schneller eine Eisbahn zu umlaufen. Könnte man sagen, wäre man Sport-Muffel und entsprechend gegen die immer neuen Doping-Nachrichten resistent. Thema erledigt.
Das greift aber aus verschiedenen Gründen zu kurz. Zum einen liegt dem Doping eine Mentalität zugrunde, die wir alle haben: Wir wollen besser sein als andere. Warum das so ist, können Anthropologen klären. Für den Augenblick reicht der Umstand, dass es so ist. Damit ist Doping kein Problem der Radsportler, sondern ein Problem des Menschen. Jeder Dopingfall (oder Verdachtsfall) spricht auch uns an: „Und Du? Wie weit würdest Du gehen?“ Darauf müssen wir antworten, bevor sich der Zeigefinger hebt.
Dieser darf aber auch nicht unten bleiben. Denn zum anderen ist Doping in der Tat ein Fall für die Ethik. Moralisch bedenklich sind die Absicht (Betrug), die Wirkung (Wettbewerbsverzerrung) und die Nebenwirkung (Selbstschädigung) – vom falschen Vorbild, das Spitzensportler Kindern und Jugendlichen geben, ganz zu schweigen. Und dann tritt noch ein besonders pikanter Effekt auf: die hinter dem Doping stehende Fehlallokation von Heil- und Hilfsmitteln in einem ohnehin klammen Gesundheitswesen. Da werden Medikamente und Methoden für Schwerstkranke missbraucht, indem sie Gesunden verabreicht werden. Man nimmt etwas, das anderen Menschen das Weiterleben ermöglicht, um noch schneller einen Berg hoch fahren zu können. Perverser geht es nicht.
Vielleicht sollten wir in Zukunft zwei Bereiche des Sports deklarieren: einen kompetativen, in dem alles erlaubt ist, und einen nicht-kompetativen, im dem auch alles erlaubt ist, in dem aber Niemand Grund hat, sich und andere zu betrügen, weil es ohnehin nichts zu holen gibt. Unrealistisch? Mag sein. Unrealistischer als eine dopingfreie Welt? Wohl kaum.
(Josef Bordat)
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