Die Leichtathletik-Weltmeisterschaften 1991 und 2011 im Vergleich
Gewisse Parallelen kann man nicht übersehen. Vor 20 Jahren fand die Leichtathletik-WM in Tokio (Japan) statt, ein Jahr vor den Olympischen Spielen in Barcelona, jetzt in Daegu (Korea), ein Jahr vor London 2012. Nach einer WM in Ostasien folgen also jeweils Olympische Spiele in Europa. Die USA und Russland (bzw. die UdSSR) stellten die erfolgreichsten Teams mit 26 gegenüber 27 Medaillen (1991) bzw. 25 gegenüber 19 (2011). 19 (1991) respektive 21 (2011) Weltmeister kommen aus diesen beiden Leichtathletik-Großmächten. Das Diskuswerfen der Männer gewann jeweils ein Deutscher (1991 war es Lars Riedel, 2011 Robert Harting), bei den Frauen gab es zweimal Silber mit der Scheibe (1991 durch Ilke Wyludda, 2011 durch Nadine Müller).
Es gibt aber auch unübersehbare Unterschiede. Im Speerwerfen der Frauen gab es 1991 noch zwei Medaillen für die Deutschen (Petra Meier: Silber, Silke Renk: Bronze; 1992 sollte Renk Olympiasiegerin werden). 2011 gingen die hoch gewetteten Christina Obergföll und Kathrina Molitor mit Platz 4 und 5 leer aus. Symptomatisch für eine in diesem Jahr wesentlich geringere Ausbeute. Die DLV-Athleten holten in Daegu 7 Medaillen, aus Tokio brachten sie 17 mal Edelmetall heim, allein 5 mal Gold.
Das bringt mich zu dem wohl gravierendsten Unterschied: Doping. Die „Doppel-Weltmeisterin“ von 1991, Katrin Krabbe, wurde später desselben überführt. Der Liebling der Massen hatte sich mit einem Mittel gemästet, das sonst für mehr Rindfleisch an der Großvieh-Einheit sorgen soll. Bleibt zu hoffen, dass uns im Hinblick auf die neuen Sympathieträger im DLV-Team, Nadine Müller etwa, der Speerwurf-Weltmeister Matthias de Zordo oder auch der junge Kugelstoßer David Storl, eine solche herbe Enttäuschung erspart bleibt.
Apropos Storl: Er ist der erste deutsche Weltmeister in der US-Domäne Kugelstoßen. Zudem ist er in einer Disziplin, die einen jahrelangen Aufbau der Muskulatur erfordert und dann noch sehr lange erfolgreich betrieben werden kann (vgl. Ralf Bartels!), mit seinen 21 Jahren noch ein Kind. Wie Storl jedoch seinen Wettkampf gestaltete, war wirklich weltmeisterlich reif. Jeder, der selbst mal gestoßen oder geworfen hat, weiß, wie schwer es ist, nach einer persönlichen Bestleistung die Spannung zu halten. Diese Spannung nochmal für den letzten Versuch ganz neu aufzubauen und sie – ohne zu verkrampfen – in Weite umzusetzen – das ist eine Kunst, die nur ganz wenige Werfer überhaupt beherrschen. Mit 21 beherrscht sie außer David Storl sonst niemand auf der Welt. Ich möchte Storls Stoß vergleichen mit Boris Beckers Wimbledonsieg (1985). Sicher: Kugelstoßen ist nicht Tennis, doch junge Athleten wie Storl (aber auch Müller und de Zordo) können der gesamten Leichtathletik in Deutschland Auftrieb geben. Wenn sie sauber bleiben.
Einen „Storl-Boom“ brauchen wir auch. Nicht unbedingt in den traditionell sehr erfolgreichen Wurfdisziplinen (5 der 7 DLV-Medaillen gehen an die Werfer), auch nicht bei den Springern, wo zumindest das vorhandene Potential hoffen lässt (Spank, Reif, die verletzte Ariane Friedrich nicht zu vergessen, immer wieder auch die Stabhochspringer), aber doch auf der Bahn. Wie weit die Deutschen mittlerweile hinterherlaufen, ist erschreckend. Da ist es eigentlich auch egal, ob sie sich nicht fürs Finale qualifizieren, weil sie zu langsam sind oder weil sie den Stab fallen lassen. Einzige Hoffnung: Menschen mit Migrationshintergrund wie Yasmin Kwado, die in 11,29 Sekunden immerhin das 100m-Halbfinale erreichte. Im Fußball haben die Kloses und Podolskis, die Khediras und Özils, die Aogos und Boatengs längst die Szene aufgemischt, warum nicht auch in der Leichtathletik? Gay, Dix, Blake, Bolt – das wäre eine deutsche Staffel. Mas integración.
(Josef Bordat)