Finale! Ein Hesse macht’s möglich

Wenn es nach Philipp II. gegangen wäre, würde das heutige Finale der Fußballweltmeisterschaft nicht stattfinden. Der spanische König und der Herzog von Alba haben in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts alles versucht, Holland im spanischen Weltreich zu halten. Wäre es ihnen gelungen, wären die Niederlande immer noch ein Teil Spaniens und gar nicht erst bei der WM dabei. Wie sonst meist.

Doch die Geschichte verlief anders. Der Grund hat einen Namen: Wilhelm von Oranien-Nassau aus Dillenburg in Hessen. Dank Wilhelm, der 1559 Statthalter in Holland wird und 1581 die Unabhängigkeit der nördlichen Niederlande erklären lässt (drei Jahre danach wird er von einem Killer im Auftrag Philipps ermordet), dank dieses großen Helden des holländischen Freiheitskampfes ist das Duell der beiden derzeitigen Fußballgrößen möglich. Der Weg in die Freiheit war unterdessen kein leichter: Erst 1648 erkennt Spanien im Westfälischen Frieden von Münster und Osnabrück Hollands Unabhängigkeit an, zuvor tobte der Achtzigjährige Krieg (1568-1648).

Für Holland folgt danach der rasche Aufstieg zur Handels- und Kolonialmacht, Spanien indes hat den Zenit längst überschritten: 1580 sorgte die Union mit Portugal noch für gute Stimmung, doch danach ging’s schnell bergab: Von der Niederlage der (angeblich) unbesiegbaren „Armada“ gegen die englische Flotte im Ärmelkanal (1588) über den verlorenen Krieg gegen Frankreich (1639-43) bis zum Verlust der Niederlande im Zuge des Westfälischen Friedens (1648). Spaniens „Goldenes Zeitalter“ war vorbei. Was blieb sind Schulden bei den Deutschen Banken (Fugger und Welser) und ein schlechter Ruf in Amerika, das sich trotzdem erst Anfang des 19. Jahrhunderts vom Mutterland befreien sollte.

In der niederländischen Nationalhymne, die van Bommel und Co. heute Abend singen werden, wird der Freiheitskämpfer Wilhelm von Oranien gefeiert, nach dem die Hymne – übrigens die älteste der Welt, wenn man Text und Melodie zugleich berücksichtigt – auch benannt ist. Im Gesangbuch des Widerstands gegen Spanien (Geuzenliedboek) wird der um 1570 entstandene Text (die Melodie ist von 1574) noch als „ein neues christliches Lied“ („een nieu Christelijck Liedt“) eingeführt. Heute ist es schlicht: „Het Wilhelmus“.

Gesungen wird die erste Strophe: „Wilhelmus van Nassouwe / ben ik, van Duitsen bloed, / den vaderland getrouwe / blijf ik tot in den dood. / Een Prinse van Oranje / ben ik, vrij, onverveerd, / den Koning van Hispanje / heb ik altijd geëerd.“ Das mit dem „Duitsen bloed“ hatte ich schon erwähnt – es verweist auf Wilhelms Wurzeln in der hessischen Adelsfamilie der Nassau-Dillenburgs. Doch über die letzten beiden Verse stolpert man: Loyalität zu Spaniens König („den Koning van Hispanje / heb ik altijd geëerd“) hätte man von Wilhelm nicht unbedingt erwartet. Vielleicht wollte der (unbekannte) Dichter die besondere Integrität Wilhelms betonen, die Reinheit seines Gemüts und das edle Motiv seines Kampfes. Er führt keinen Feldzug gegen das spanische Volk, getrieben von persönlichem Hass auf ihren König, sondern kämpft (und stirbt) für eine gute Sache, für eine Idee, deren Zeit gekommen war: Freiheit.

Diese Freiheit war politischer, aber auch religiöser Natur. In den Niederlanden litten Protestanten unter der Herrschaft des katholischen Spanien Verfolgung. 1555 war im Augsburger Religionsfrieden beschlossen worden, dass das Bekenntnis des Herrschers in seinem Land Vorrang hat (Cuius regio, eius religio). 1573 konvertiert Wilhelm zum Calvinismus und 1579 macht der Zerfall der Niederlande in einen calvinistischen Norden und einen katholischen Süden die Unabhängigkeit des Nordens möglich. Die „spanischen“ Niederlande im Süden entsprechen in etwa dem Gebiet des heutigen Belgien. Dort (und in der südlichen niederländischen Provinz Limburg) sind auch heute noch die Katholiken überdurchschnittlich stark vertreten.

Der Calvinismus hat mit der Prädestinationslehre den Aufstieg Hollands zur frühkapitalistischen Handelsmacht befördert. Der Calvinist glaubt, die Gnade Gottes zeige sich bereits auf Erden. Der Begnadete wird zum Tüchtigen. Umgekehrt wird daraus die Triebfeder des Kapitalismus: Der Tüchtige wird zum Begnadeten. Die Gnade zeigt sich im Glauben des Calvinisten aber nicht nur individuell, sondern auch kollektiv. Es wundert daher nicht, dass sich das begnadete Volk der Holländer in jener Zeit in besonderer Nähe zum begnadeten Volk Israel sieht, wie ebenfalls im „Wilhelmus“ erkennbar ist, in dem dieser in der achten Strophe mit König David und das neue Holland mit dem alten Israel verglichen wird: „Als David moeste vluchten / voor Sauel den tiran, / zo heb ik moeten zuchten / als menig edelman. / Maar God heeft hem verheven, / verlost uit alder nood, / een koninkrijk gegeven / in Israël zeer groot.“

In der Israel-Affinität zeigt sich eine unfreiwillige Gemeinsamkeit mit dem Spanien dieser Zeit, von dem man sich ja eigentlich lösen wollte: Zuvor hatte Spanien im Zuge des kolonialethischen Diskurses auf Israel Bezug genommen, wenn auch der Grund der Bezugnahme ein ganz anderer war: Nicht Calvinismus, sondern Chauvinismus. Man war an Spaniens Hof Mitte des goldenen 16. Jahrhunderts der Meinung, die Kolonialisierung Amerikas damit erklären und rechtfertigen zu können, dass Gott selbst die Spanier dazu befähigt und dabei mitgeholfen habe – so wie Gott einst das Volk Israel bei der Landnahme Kanaans unterstützt habe. Das Volk Gottes sind nunmehr die Spanier, das Kanaan der neuen Israeliten befindet sich in Amerika und Milch und Honig, von denen im gelobten Land riesige Mengen vorhanden sein sollen, wurden als metaphorische Wendungen für Silber und Gold begriffen – Edelmetalle, die in „Spaniens Kanaan“ im Überfluss vorhanden waren. Die religiös-nationalistische Bezugnahme auf Alt-Israel hatte also in Spanien und Holland gleichermaßen Konjunktur.

Zum Sport: Auch jenseits von Geschichte und Erwählungsbewusstsein gibt es einige Parallelen zwischen den Finalgegnern. Beide sind sehr erfolgreich. Nicht erst seit ein paar Wochen. In den letzten vier Jahren lösten sie ihre Aufgaben meist sehr souverän. Die Holländer gewannen von 30 Pflichtspielen 25, die Spanier von 34 Pflichtspielen 29. Beide waren noch nie Weltmeister, obwohl beide oft als Mitfavoriten gehandelt wurden. Beide haben einen Weltklassetorwart: Casillas und Stekelenburg gehören zu den Besten ihres Gewerbes .

Es gibt aber auch Unterschiede. Spanien dominiert die Gegner vom Mittelfeld aus, lässt wenig Chancen des Gegners zu (nur 2 Gegentore in 6 WM-Spielen) und erarbeitet sich selbst sehr viele Chancen – nutzt aber zu wenige davon. Nur 7 Tore in 6 WM-Spielen – es hätten auch 20 sein können und mindestens 10 sein müssen. – Die Niederländer nutzen die wenigen sich ihnen bietenden Chancen eiskalt: Jeder fünfte Angriff bringt bei ihnen einen Torerfolg (bei den Spaniern ist es gerade mal jeder zwölfte). Dagegen stehen die Holländer in der Abwehr bei weitem nicht so kompakt wie die Spanier. Ihr Torverhältnis von 12 zu 5 spricht Bände. Dennoch: Leichter Vorteil für Holland.

Ein weiterer Unterschied mit deutlichem Vorteil zu Gunsten Spaniens ist die Frage des Spielverständnisses. Die Barça-Blockbildung sorgt bei den Iberern für ein geradezu blindes Vertrauen. Die Umschaltzentralen von Abwehr zum Mittelfeld (Puyol/Piquet/Busquets auf Xavi H./Iniesta) und vom Mittelfeld zum Angriff (Xavi H./Iniesta auf Villa/Pedro) sind eingespielt und laufen wie geschmiert. Denn sie kommen alle vom FC Barcelona, dem Club, der in den letzten vier Jahren den europäischen Vereinsfußball beherrscht hat (zwei Champions League-Siege, 2006 und 2009). – Die Holländer hingegen spielen in zig verschiedenen Vereinen in Deutschland, England, Spanien, Italien und den Niederlanden. Dort sind sie Leistungsträger, wie van Bommel und Robben beim FC Bayern. Trainer Bert van Marwijk musste aus einem bunten Haufen von Individualisten eine Mannschaft formen. Es ist ihm größtenteils gelungen, auch wenn es im Zusammenspiel mehr Schwachstellen gibt als bei den Spaniern.

Was allerdings die Holländer unverkennbar eint ist das orangefarbene Trikot und die Hymne. Beides erinnert an den Mann, der das Finale von Johannesburg ermöglichte: Wilhelm von Oranien-Nassau. Ein Hesse.

(Josef Bordat)

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2 Antworten zu „Finale! Ein Hesse macht’s möglich“

  1. Jonas sagt:

    ohne dem klugschiss frönen zu wollen, aber villa kommt nicht vom fc barcelona, sondern eh geht da hin. für angeblich 40 millionen.

  2. jobo72 sagt:

    Ja, Jonas, das ist wahr. Ich bin da in die Euphorie-Falle getappt: Villa wird hier seit dem 1.7. in den Medien nur noch mit Barça-Trikot gezeigt.

    Und: Es sieht doch tatsächlich fast so aus, als habe er in den letzten Jahren nicht beim FC Valencia gespielt, sondern beim FC Barcelona.

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