Bastian Schweinsteiger flucht vor sich hin. Philipp Lahm ist den Tränen nahe. Ein 80-Millionen-Volk ist in lähmender Trauer. Der Grund: Deutschland ist im Halbfinale der Fußball-WM ausgeschieden. Die Ursache: Carles Puyol, der in 14 Jahren beim FC Barcelona insgesamt 14 Tore schoss, hatte den Ball in der 74. Minute mit einem wuchtigen Kopfstoß unhaltbar im deutschen Kasten versenkt – Spanien gewinnt eins zu null. Die Spanier jubeln, die Deutschen sind am Boden zerstört.
Von Sportereignissen wie der Fußball-WM bleiben uns neben den Bildern jubelnder Sieger die leeren und müden Blicke der Verlierer in Erinnerung. Und so, wie man sich mit den Siegern freut, so empfindet man Mitleid mit den Verlierern, die aufgrund der Leistungsdichte in vielen Sportarten häufig knapp und manchmal auch sehr unglücklich den Kürzeren ziehen. Einerseits gehört dies zum kompetativen Sport, andererseits stellt sich die Frage, ob es nicht moralisch falsch ist, den Kollegen das Leid der Niederlage zuzufügen, denn schließlich haben wir doch alle seit unseren Kindertagen die Goldene Regel im Hinterkopf: „Was Du nicht willst, dass man dir tu’, das füg auch keinem andern zu.“ Und wer möchte schon, dass ihm im Sport eine Niederlage zugefügt wird?!
Ist also die Goldene Regel ein Indiz dafür, dass sportlicher Wettbewerb prima facie unmoralisch ist? Die Antwort lautet: Nein! Die Lösung des Problems liegt in der sprachanalytischen Unterscheidung von Handlungs- und Erfolgsbegriffen. Dabei stellt sich heraus, dass „siegen“ ein Erfolgsbegriff ist, man also ethisch nicht falsch handelt, wenn man – wie alle anderen auch – sein Bestes gibt und dadurch im Ergebnis alle anderen besiegt. Man muss im Sinne der Goldenen Regel nur hoffen, dass alle Beteiligten auch wirklich ihr Bestes gegeben haben (nicht mehr und auch nicht weniger!), dass sie also dem Handlungsbegriff „zu siegen versuchen“ ernsthaft und aufrichtig Rechnung trugen. Und das war gestern wohl der Fall.
Der Sieger eines fairen Wettbewerbs, in dem jeder sein Bestes gibt, braucht sich also nicht zu schämen. Moralisch verhält er sich einwandfrei. Und der Verlierer sollte nicht mit dem Schicksal hadern: Schon bald kann auch er wieder jubeln. Das gilt besonders für Schweinsteiger und Lahm.
(Josef Bordat)
Leseempfehlung – Zwei Texte zur Goldenen Regel:
1. Empathische Entfeindung. Gespräche im Geist der Goldenen Regel
2. Goldene Regel. Kritik und Replik
Tags: Deutschland, Erfolgsbegriff, Goldene Regel, Halbfinale, Handlungsbegriff, Lahm, Moral, Niederlage, Puyol, Schweinsteiger, Sieg, Spanien
Juli 8, 2010 um 2:40 pm |
Wahnsinn! Presseagenturen melden, daß das Spiel manipuliert wurde und ANNULIERT werden muss. Deutschland zieht wahrscheinlich doch ins Finale!
http://stefanhensch.wordpress.com/2010/07/07/wm-sudafrika-wird-das-spiel-deutschland-spanien-annulliert-zieht-deutschland-doch-ins-finale/