Die FIFA hat für die WM in Südafrika strenge Regeln erlassen, was persönliche Meinungsäußerungen auf dem Spielfeld betrifft. In den Statuten heißt es: „Die vorgeschriebene Grundausrüstung der Spieler darf keine politischen, religiösen oder persönliche Aussagen zeigen.“ Diese „T-Shirt-Klausel“ richtet sich vor allem gegen die Brasilianer, die in der Vergangenheit oft im Anschluss an große Siege aus ihrer Liebe zu Jesus Christus keinen Hehl machten.
Auch das Beten oder andere religiöse Bekundungen sind im Stadion verboten, was jedoch kaum jemanden kümmert. Beim Einlaufen und bei Auswechselungen, nach Toren oder gehaltenen Elfmetern und, na klar, siegreichen Partien bekreuzigen sich viele Spieler (bzw. Trainer, wie der Schweizer Coach Hitzfeld) oder recken in Dankbarkeit die Hände gen Himmel. Zwar wird gebetsfreies Jubeln ohne jeden Dank an religiös verehrte Mächte von der FIFA favorisiert, Sanktionen sind jedoch – meines Wissens nach – bislang ausgeblieben.
Damit wird offiziell die Linie des IOC aufgenommen, die Großveranstaltungen, seien es Olympische Spiele oder Fußballweltmeisterschaften, bekundungs- und bekenntnisfrei zu halten. Das macht auch im Selbstverständnis der Spitzenfunktionäre Sinn, die mit ihren Events quasireligiöse Surrogate eines entschwundenen kollektiven Gefühls für das „Höhere“ und „Erhabene“ anbieten. Olympia war immer schon ein religiöses Ereignis, nur die Gottheiten haben sich geändert. Und Fußball? Fußball ist Religionsersatz schlechthin, das heißt: „Fußball ist mehr als eine Religion, mehr als alle Religionen zusammen.“ (Blatter) Unter diesen Umständen sind alle anderen Religionen weder nötig noch möglich. Alle zusammen.
Das IOC setzt Olympia, die FIFA den Fußball absolut. Wer hier die Idee des Totalen aufblitzen sieht, ist unter Umständen zu sensibel für diese Welt, doch die Art und Weise der Ausrichtung aller auf das Eine ist in den großen Diktaturen des 20. Jahrhunderts auch nicht viel systematischer erfolgt. Und professioneller schon gar nicht.
Das eigentümliche Süppchen aus Sport, Religion und Totalitarismus ist am Mittwoch mit einer Prise Salz verfeinert worden. Der britische Fußballstar Wayne Rooney, der nach eigener Aussage katholischer Priester geworden wäre, hätte er nicht als Profifußballer Karriere gemacht, wird in einer Plauderrunde mit Medienvertretern gefragt, warum er einen Rosenkranz um den Hals trägt. Er antwortet, dass er katholisch sei. Als ein Journalist nachfragte, sei FA-Medienmanager Mark Whittle dazwischengegangen: „Wir reden nicht über Religion.“ Ende der Geschichte.
Oder ihr Anfang. Denn so ist das mit „Maulkörben“, wie die Beschneidung der Meinungsfreiheit in besonderen Schutz- und Arbeitsverhältnissen überzogen und damit wieder verharmlosend genannt wird: Jetzt wird’s erst richtig spannend. Aus dem Nebenschauplatz wird die Schlagzeile. Eine Meldung entsteht. Abgesehen davon, was es da noch groß „nachzufragen“ gibt (Rooney ist katholisch, so what? – Theologische Fachfragen sollte vielleicht besser jemand erläutern, der sich damit auskennt, z. B. Beckenbauer), abgesehen davon, wen Whittle geritten hat – die eigene FA, die FIFA oder der Teufel –, abgesehen davon, dass es ja – zumindest in Fachkreisen – nicht unbekannt ist, dass Rooney katholisch ist und mal ganz abgesehen davon, dass die Hälfte der portugiesischen Nationalmannschaft (einschließlich Ex-ManU-Kollege Christiano Ronaldo) und gut zwei Drittel der Latino-Kicker einen Rosenkranz oder ein Kreuz oder ein Votivbild zur Marienmedaille tragen, haben die Journalisten in dieser Einschränkung der Redefreiheit endlich ein Thema, das sich jenseits vom Pressekonferenz-Gequatsche („schwerer Gegner“, „drei wichtige Punkte“, „müssen uns steigern“) als Aufmacher anbietet. Und auch wenn der Gegenstand, Rooneys Rosenkranz als Artefakt seiner Religion, den meisten Kollegen völlig egal sein dürfte und es nach h. M. schon in Ordnung ist, Religion in die Schranken und religiöse Menschen des medialen Feldes zu verweisen, juckt es doch, darüber zu berichten. Eine Art berufsethischer Reflex. Damit hat Mark Whittle das Gegenteil dessen erreicht, was er erreichen wollte: Wir reden über Religion.
Doch halt: Wollte Whittle das überhaupt erreichen? Oder wollte er das Gegenteil erreichen, von dem, was er vorgab, erreichen zu wollen, wollte aber zugleich – schon aus Furcht vor der FIFA –, dass wir meinen, er wolle das, was er letztlich erreicht hat, gerade nicht erreichen?
Als Medienmanager weiß er doch am besten, wie man Themen setzt: in dem man verbietet, darüber zu sprechen. Oder daran zu denken. Denken Sie jetzt mal nicht an einen rosa Elefanten, der mit dem Rüssel eine Deutschlandfahne schwenkt! Sehen Sie! Die automatische Umkehrung eines Befehls scheint in der Logik der menschlichen Psyche zu liegen, die Affinität des Menschen, das Gegenteil dessen zu tun, was er tun soll, eine anthropologische Konstante zu sein.
Whittle wusste natürlich, dass die Sache mit Rooneys Rosenkranz so ist wie die mit dem Gummiball, den man versucht, unter Wasser zu drücken – lässt der Druck nach, schießt er zurück nach oben. Ist die Medienrunde aus, werden sie schreiben. Und der Weltpresse verbieten, Rooneys Religion überhaupt zu thematisieren, das kann keiner. Auch nicht Blatter. Das alles wusste Whittle.
Bestimmt stellt sich bald raus, dass Whittle vor seiner Zeit bei der FA Missionar gewesen ist. Katholischer Missionar. Und dass er endlich das Thema Rosenkranz mal wieder in der Presse haben wollte. Dass er vor seinem geistigen Auge die Jugend der Welt nach „Rosenkranz“ googlen sah, als er die Worte sprach: „We don’t do religion“ und bei sich dachte: „Wir nicht, Wayne, aber die!“ Bald werden Fotos auftauchen, auf denen Whittle ein T-Shirt mit der Aufschrift trägt: „Rooney kann man stoppen. Gott nicht.“
Dann kommt es freilich darauf an, dass die FIFA-Experten für Gebete, T-Shirts und Rosenkränze nicht dahinter kommen. Und wenn, durch Opfergaben beschwichtigt werden. Sonst fährt England nach Hause. Ganz ohne Elfmeterschießen.
(Josef Bordat)
Tags: FA, FIFA, Mark Whittle, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Rosenkranz, Totalitarismus, Wayne Rooney
Juni 18, 2010 um 8:29 pm |
[...] http://wirnehmensleicht.wordpress.com/2010/06/18/die-fifa-die-gretchenfrage-rooneys-rosenkranz-und-d… [...]
Juni 20, 2010 um 2:40 pm |
Der Fußball eignet sich auch durch seine perfekte runde Form als Gottessymbol. Ein Rugby-Ei würde dagegen schon wieder zu einer heidnischen Fruchtbarkeitssymbolik verleiten.
Und dass das Spiel genau 90 Minuten dauert: 9 ist 3 hoch 3 – also die Potenz des Göttlichen. Für die Zahl 11 fällt mir leider gerade keine tiefere Bedeutung ein … Vielleicht mit dem Publikum als 12. Mann die Apostelrunde. Und der Schiri der böse 13.?