Die langen Schatten der DDR. Goldmann verliert Trainerjob

By jobo72

Gegen Ende des abgelaufenen Jahres stieg die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland konjunktur- und saisonbedingt auf 3,1 Millionen. Das sind über 100.000 mehr als im November. Einer von diesen 100.000 ist Werner Goldmann. Der Trainer vieler herausragender Werferinnen und Werfer gehörte in den letzten beiden Jahrzehnten zu den Erfolgsgaranten der deutschen Leichtathletik. Wenn DLV-Athleten bei internationalen Meisterschaften überhaupt mal das Siegerpodest betraten, so waren es vor allem die Werfer, für die das Deutschlandlied durchs Stadion hallte. Hinter diesen stand oft Werner Goldmann. Nomen est omen.

Wer das Ganze vor dem Fernsehschirm verfolgte, kam rasch zu dem Urteil, dass Werner Goldmann nicht nur erfolgreich ist, sondern auch ein ziemlich netter Kerl. Er kam in den Interviews sympathisch rüber, ein fachkundiger Leisetreter, jemand mit mehr Sein als Schein. In einer Gesellschaft, in der jeder, der seinen Vornamen buchstabieren kann, zum Superstar wird, wenn es denn die Marketingstrategen wollen, ist so jemand die Ausnahme. Als er seinen Schützling Robert Harting, Diskuswerfer vom SCC Berlin, auf eigene Kosten nach Osaka zur WM 2007 begleitet, wo dieser dann überraschend Zweiter wurde, vermittelt er das Bild eines bescheidenen Menschen, der aufopferungsvoll seine Arbeit macht und dem es dabei einzig um die Sache geht. Ein ehrlicher Malocher vom alten Schlag.

Jetzt wissen wir: Das mit dem alten Schlag kommt hin. Denn Werner Goldmann war tief ins DDR-Dopingsystem verstrickt. Noch vor den Olympischen Spielen in Peking hatte der Trainer erklärt, zu keinem Zeitpunkt Athleten mit verbotenen Substanzen versorgt zu haben. Doch dann meldet sich mit Gerd Jacobs ein ehemaliger Kugelstoßer und behauptet, von Goldmann das Dopingmittel Oral-Turinabol bekommen zu haben. Goldmann hatte dies indirekt eingestanden, noch bevor es Richtung China ging. Erst jetzt kommt der DLV zu einer abschließenden Bewertung des Falls. Die ist für Goldmann negativ. Konsequenz: Der Verband kündigt seinem Bundestrainer. Zudem verlangt das Bundesinnenministerium von Goldmann die Rückerstattung der Reise- und Aufenthaltskosten für die Olympia-Mission.

Das wirklich Gemeine an der Affäre: Nicht nur Goldmann stolpert über seine Vergangenheit, auch sein Schützling Harting ist betroffen – ohne (bezahlten) Trainer geht es für ihn ins WM-Jahr.

Schwer trifft es aber auch den DLV selbst, denn nun drängen sich einige Fragen auf: Warum reagierte der Verband so spät (sprich: nach Olympia)? Strahlen (potenzielle) Medaillen am Ende doch heller als die weiße Weste in Sachen Doping? Und vor allem: War es das nun mit der Enthüllungsseifenoper „Leichtathletik“, die uns seit nahezu zwei Jahrzehnten vorgeführt wird?

Schließlich betreibt der „Fall Goldmann“ auch für die Weltmeisterschaft im August diesen Jahres in Berlin alles andere als Imagewerbung. So lautet die wohl tragischste Konsequenz, dass es den langen Schatten der DDR auch 20 Jahre nach dem Mauerfall noch gelingt, eine Veranstaltung in der einstmals geteilten Stadt zu verdunkeln. Traurig.

(Josef Bordat)

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2 Antworten zu „Die langen Schatten der DDR. Goldmann verliert Trainerjob“

  1. jobo72 sagt:

    Meinungsaustausch zwischen Martin Unger und Josef Bordat zu
    „Die langen Schatten der DDR. Goldmann verliert Trainerjob“

    1.
    Hallo Josef,
    interessanter Artikel und super geschrieben. Du hast den Artikel ja recht unpolitisch geschrieben. Mich interessiert aber deine Meinung etwas genauer, wenn ich fragen darf. Findest du es gerechtfertigt das er gehen muss. Ich meine das ist 20 Jahre her und hat damals fast jeder gemacht. Natürlich war es super schlimm, aber sollte man deshalb jetzt so hart dafür bestrafen?
    Gruß Martin

    2.
    Lieber Martin,

    erst mal vielen Dank für das Lob! Freut mich sehr!

    Das ganze Problem ist sehr vielschichtig und ich kenne auch nicht alle Fakten. Aus meiner Zeit beim OSC kenne ich Werner Goldmann als einen der großen Erfolgstrainer der DDR-Werfer aus den 1980er Jahren. 1980er, Werfer, DDR – da klingelt es natürlich gleich… Was nicht heißen soll, dass nur in der DDR gedopt wurde!

    Und er war auch nicht der einzige, ganz klar und andere, von denen man hinter vorgehaltener Hand spricht, haben es auch geschafft, unbehelligt zu bleiben. Bei vielen DDR-Trainern löste sich das Problem nach der Wende ja auch über die biologische Uhr, sprich: die hätten so oder so bald aufgehört. Aber Goldmann ist noch nicht so alt.

    Ich denke aber, es ist grundsätzlich richtig, Trainer, die derart vorbelastet sind, nicht länger mit öffentlichen Geldern zu bezahlen (und darum geht es ja bei Goldmann). Viele Sportarten befinden sich durch Dopingfälle in einer großen Krise, oft sind auch deutsche Vereine, Trainer, Manager und Athleten beteiligt (s. den Radsport). Dadurch gerät die betreffende Sportart oft genug an den Rand der Existenz, weil Vorbilder fehlen, Sponsoren abspringen, die Medien nicht mehr berichten und letztlich der Nachwuchs ausbleibt. Im Radsport steht so eine Entwicklung bevor bzw. sie hat schon begonnen.

    Für die Leichathletik wäre eine solche Entwicklung fatal, da es sich hier um eine olympische Kernsportart handelt, die zudem grundlegend ist für viele andere Sportarten. Hier muss gegenüber jungen Aktiven (und deren Eltern) eine Vertrauensbasis gehalten (oder: wieder geschaffen) werden, die nur dann erreichbar ist, wenn die in den Medien vertretenen Top-Stars und ihr Umfeld sauber sind. Der Staat (also das BMI für die Sportaufsicht) muss alles tun, damit dies gelingt.

    Im vorliegenden Fall tut es mir persönlich für Robert Harting sehr Leid, aber die Entscheidung, Goldmann zu entlassen, geht m.M.n. in Ordnung.

    Herzliche Grüße
    Josef

    3.
    Abend Josef,
    mit deinen Ausführungen kann ich übereinstimmen. Um sicherzustellen, dass der Sport im positiven Blickpunkt bleibt, sollte man sich von allen negativen Sachen trennen. Auch wenn heutige Ex-DDR Trainer nicht mehr das Doping fördern, würde es zu einem enormen Imageschaden der Sportart kommen, wenn die Öffentlichkeit vom Verhalten eines DDR-Trainers erfährt, was unter Doping fällt.
    Beste Grüße, Martin

  2. Was vom Tage übrig bleibt (16) : jens weinreich sagt:

    [...] Josef Bordat auf Leichte Athletik: “Die langen Schatten der DDR. Goldmann verliert Trainerjob”. [...]

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