Therapieplatz: Trainerstuhl

By jobo72

Maradona wird neuer Trainer der argentinischen Fußballnationalmannschaft. Und hat heute Geburtstag.

Manchmal gibt es sie doch noch, die kleinen Sensationen im Weltfußball. Die folgende Nachricht einer Stellenneubesetzung ist eine solche. Diego Armando Maradona wird neuer Trainer der argentinischen Fußballnationalmannschaft. Grund genug, mal wieder das Thema dieses Blogs zu verfehlen und sich dem Fußball zuzuwenden.

Dass ein ehemaliger Fußballstar der späten 1980er bzw. der frühen 1990er Jahre den höchsten Trainerposten des Landes einnimmt, ist dabei nichts ungewöhnliches, auch nicht für die Top-Nationen im Fußball, die z.T. den Generationswechsel vom Trainerfuchs im Rentenalter zum jungen, dynamischen Mitvierziger vollzogen haben. Marco van Basten (Niederlande), Jürgen Klinsmann (Deutschland) und Roberto Donadoni (Italien) sind zwar nicht mehr im Amt, aber Carlos Dunga (Brasilien) und Slaven Bilić (Kroatien) halten sich wacker – trotz Kritik. Dass aber ausgerechnet Argentinien auf den fußballerisch größten Sohn des Landes zurückgreift, verwundert dann aber doch, angesichts der Vita des Kandidaten Maradona, die mit „abwechslungsreich“ wohl allzu euphemistisch beschrieben wäre.

Der Mann mit dem Namen eines Modedesigners spielt jahrelang Doppelpass mit dem Schicksal. Weil eine detaillierte Darstellung Hochschulabschlüsse in Jura, Psychologie und Lateinamerikanistik verlangt, die ich allesamt nicht vorweisen kann, bleibe ich bei den Höhepunkten: 1977 wird Maradona mit 16 Jahren Nationalspieler. Nicht auf den Osterinseln, sondern in Argentinien, dem Land, das im Jahr darauf Weltmeister werden sollte – ohne den Jungstar. Auch 1982 ist Maradona noch überfordert, wird im Spiel gegen den Erzrivalen Brasilien vom Platz gestellt. Vier Jahre später ist er dann auf dem Zenit seiner sportlichen Karriere angelangt und wird in Mexiko – mit Gottes Hilfe – Weltmeister und infolgedessen mit Ehrungen überhäuft; die wohl bedeutendste: „Weltsportler des Jahres“. 1990 erreicht er immerhin noch einmal ein WM-Endspiel, kann aber keine Akzente mehr setzen. Er verabschiedet sich tränenreich aus Rom, um kurz darauf in die Droge abzustürzen. Bei seinem Heimatverein Boca Juniors findet er noch einmal die Geborgenheit, die er in seiner Sucht sucht. Denn Maradona ist bei Lichte betrachtet auch nur ein ganz normaler Mensch, der nach Anerkennung strebt. Und ein Mensch, der zum falschen Zeitpunkt zuviel Geld zur Verfügung hatte. Und die falschen Freunde.

Nach seiner aktiven Zeit tut Maradona das, was Fußballstars nach ihrer aktiven Zeit halt tun: in der Zeitung Kolumnen schreiben, im Fernsehen das Geschehen auf dem Rasen kommentieren. Den Menschen daheim gefiel, wenn er über die seit Anfang der 1990er Jahre viel erfolgreicheren Brasilianer herzog, über Romario, Ronaldo und Ronaldinho lästerte. Für viele Argentinier hat „El Diego“ den Status eines Heiligen. In ihm berühren sich die Sphären des lateinamerikanischen Selbstverständnisses: tiefe Religiosität, fanatische Fußballbegeisterung und ein ausgeprägter Nationalstolz. Aber die Verehrung seiner Landsleute tut ihm nicht wirklich gut, weil sie ihm stets zu verstehen gibt, dass es so, wie es ist, gut sei mit ihm. War es aber nicht, denn Maradona war ein schwerkranker Mann im Wechselbad von Manie und Depression. Zwischen seinen exzentrischen Auftritten geht er einen Leidensweg: Entzug, Rückfall, Entzug, Rückfall. Maradonas Leben ist ein einziges Schicksalsspiel. 2004 merkten selbst die größten Fans, dass etwas mit ihrem Idol nicht stimmt. Maradona wird mit Herzproblemen in eine Klinik eingeliefert, ringt tagelang mit dem Tod. Er scheint sich danach gefangen zu haben. Irgendwie. Bei der WM 2006 in Deutschland mimt er an der Seite seiner Tochter den lustigen Schlachtenbummler und präsentiert sich bei abnehmendem Gewicht zunehmend fit. Der argentinische Patient offenbarte ganz ungewohnte Reife, indem er eingestand, dass er drogensüchtig war, ist und immer bleiben wird. Fußball ist dabei so etwas wie eine Dauertherapie. Jetzt hat er einen neuen Therapieplatz, den Stuhl des Nationaltrainers.

Doch Maradona als Chef eines der großen Favoriten für die WM 2010? Ohne wirkliche Erfahrung als Trainer? Mit Führungsspielern im Kader, an denen er bei seinen Kommentaren in den Medien bislang selten ein gutes Haar gelassen hat, wie dem „neue Maradona“ Lionel Messi? Die Fans sind skeptisch: Drei Viertel aller Teilnehmer einer Online-Befragung der argentinischen Zeitung „Clarín“ sind „nicht zufrieden“ mit der Wahl des Verbandes. Offenbar ist im Netz eine andere Generation aktiv als die, die Maradona einst auf den Sockel hievte.

Maradona ist kein Gentleman wie Pelé, kein Weltmann wie Beckenbauer und kein Sunnyboy wie Klinsmann. Nicht mal ein ehrlicher Malocher wie Dunga. „El Diego“ ist ein Skandal in persona. Der Journalist Hans Blickensdörfer schrieb schon 1993: „Diego Armando Maradona ist, wenn wir’s genau nehmen, sowohl ein Vergötterter als auch ein Verdammter des Spiels.“ Fußballgott und Fußballteufel. Die jungen Argentinier aber, die den neuen Trainer nicht aus dem Sportteil kennen, sondern aus „Vermischtes“, werden sich an ihn gewöhnen müssen. Sie sollten ihm eine Chance geben. Der Mensch Maradona hat sie verdient.

Ach, ja: Feliz cumple, Dieguito!

(Josef Bordat)

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