Ruhetag. Zeit für Regeneration, auch für den Fernsehzuschauer, der bei Halbzeit der Frankreichrundfahrt – je nach Temperament – von Männerwaden oder von Luftaufnahmen bretonischer Klöster träumt, die „lange vor der ersten Tour erbaut wurden“ (ARD) und „ziemlich groß sind“ (Eurosport).
Ruhetag. Zeit, sich wieder Dingen zu widmen, die während eines Sportsommers an die Peripherie der Lebenswelt gedrängt werden: dem Abwasch, dem Auffüllen des Getränkelagers und dem, was sonst noch wichtig ist in der Welt. Der Blick fällt auch mal wieder in den Politikteil der Tageszeitung, der erst seit Ende der EM wieder optisch vom Sportteil zu unterscheiden ist. Was lese ich: Energiekrise. Hab’ ich da was verpasst? Atom-Streit? Nicht mit dem Iran, sondern mitten in Berlin? Tatsache: Um die ambitionierten Ziele bei der CO2-Reduktion zu erreichen, diskutiert die Politik den Ausstieg vom Ausstieg aus der Atomenergie.
Je länger dieser Ruhetag dauert, desto mehr reift in mir die Idee, endlich mal umzusetzen, was Generationen von Tour-Kommentatoren den Radsportlern beim Schlussanstieg am Col de soundso begeistert beimaßen: eine Energieleistung vollbracht zu haben.
Ich habe das mal ausgerechnet. Wenn die 180 Fahrer 3 Wochen jeweils 5 Stunden am Tag mit durchschnittlich 200 Watt unterwegs sind, dann macht das insgesamt 3,6 Megawatt Leistung. Energie für den dreitägigen Dauerbetrieb von 1.000 Schreibtischleuchten. Da sind Jan Ullrich und Lance Armstrong noch nicht mit dabei. Und die Jungs von Astana-Energy.
Also, die nächste Tour findet auf Hometrainern statt. Wer den meisten Strom erzeugt und am wenigsten ausatmet, gewinnt das grüne Trikot. Die Fernsehanstalten können ja trotzdem berichten, irgendwelche alten Geschichten aufwärmen, ab und zu Puls, Blutdruck und Krankenversicherungsnummer der Fahrer einblenden. Was sie eben so tun. Nicht zu vergessen: Gesprächsthema „CO2-Bilanz“. Zwischendurch Luftaufnahmen bretonischer Klöster. „Lange vor dem Klimawandel gebaut.“ ZDF. „Ziemlich groß.“ Eurosport.
Es gäb’ nur Gewinner. Die Tour wäre über jeden Zweifel erhaben, Ullrich und Armstrong rehabilitiert und Angela Merkel könnte wieder tun, was sie am liebsten tut: junge Männer in kurzen Hosen gucken. Ich bekäme für meine Idee den Nobelpreis für irgendwas und dürfte mit Al Gore vegetarisch essen gehen.
Der Solar-Wecker klingelt. 8 Uhr 15. Heute ist Ruhetag. Verdammt.
(Josef Bordat)
Schlagworte: Energiepolitik, Klimawandel, Tour de France