Die erste echte Europameisterschaft geht in die Schlussphase
Wenn mich in 20 Jahren jemand fragen wird, was mir von der EM 2008 in Erinnerung geblieben ist, dann werde ich antworten: Sportler, die sich nicht über den Erfolg der eigenen Mannschaft freuen können, weil sie zu sehr damit beschäftigt sind, die Trauer über die Niederlage des Gegners zu verarbeiten. Sportler, die hin- und hergerissen sind zwischen ihrer Heimat und dem Land, für das sie spielen oder umgekehrt. Sportler, die Soziologen als „Menschen mit Migrationshintergrund“ bezeichnen, entweder weil sie der Generation nachfolgten, die einst ihre Heimat verließ, um in Mitteleuropa, v.a. in Deutschland, zu arbeiten, oder weil sie selbst im europäischen Ausland arbeiten – in Spanien, Italien, Großbritannien, Portugal.
Diese EM nach deutlich: Fußballspieler sind Migranten. Fast alle. Das hat Folgen. Spieler, die für die Türkei, Kroatien, Griechenland oder Polen spielen, sprechen einwandfrei deutsch, während es bei einigen Akteuren im deutschen Team genau daran hapert. Es kommt vermehrt zu Identifikationsproblemen, die in der Kernfrage des Migrantendaseins kulminieren: „Wo gehöre ich hin? Eigentlich.“ Es wird ferner deutlich, dass wir keine gemeinsame europäische Identität haben. Dass es uns schwer fällt zu sagen: „Ich bin Europäer.“ Das klingt komisch. Aber ist „Deutsch-Türke“ besser? „In Polen geborener Grieche mit spanischem Pass, der seit einem Monat für die Schweiz spielt“?
Europa, so ist oft zu lesen, sei auf Hügeln gebaut. Auf den Hügeln des Olymp (Griechische Philosophie), den sieben Hügeln Roms (Römisches Recht) und dem Hügel Golgatha (Christliche Religion). Das hat den Kontinent über lange Zeit fest zusammengezurrt. Das tausendjährige Kerneuropa hörte auf den martialischen Namen „Heiliges Römische Reich Deutscher Nation“. Es wurde von Karl dem Großen gegründet (800) und von Napoleon aufgelöst (1806). Nach der schrittweisen Aufkündigung des christlichen Selbstverständnisses, der philosophischen Wurzeln und des einheitlichen Rechtssystems blieb Europa gegen Ende des 20. Jh. nur der politische und wirtschaftliche Liberalismus (Freiheit, Demokratie, Marktwirtschaft) und einige Fünkchen eines kollektiven kulturellen Gedächtnisses (Bach, Beethoven, Beatles). Als zu Beginn des 21. Jh. auch noch dieser Quell der Einigkeit versiegte, verschüttet von Massenarbeitslosigkeit, Techno-Partys und „Big Brother“, musste rasch eine neue Metapher gefunden werden, die den gemeinsamen Willen zu Europa symbolisiert. Man fand sie. Der Euro wurde eingeführt und eine Verfassung erarbeitet, in der nach dem kurzen Bekenntnis zu den Werten Europas auf den folgenden tausend Seiten Kabeljaufangquoten und Gurkenkrümmung verhandelt wird. Die Botschaft lautet: Europa ist ein Wirtschaftsunternehmen. Dass dies nicht reicht, zeigten zuletzt die Iren. „Warum nur lehnen sie den Reformvertrag ab? Denen geht es doch jetzt in der EU viel besser!“ Ja. Aber nicht gut.
Die Lösung liegt auf dem Platz: Es sind die Menschen, die Europa einen. Die (Arbeits-)Migranten, die es längst in allen Berufen gibt, geben Europa das unverkennbare Gesicht friedlichen Miteinanders, für das wir heute in der Welt hoch angesehen sind. Fabrikarbeiter, Ärztinnen, Fußballprofis zeigen: Es funktioniert, die Einheit in der Vielfalt zu leben.
Das Spiel Deutschland gegen die Türkei heute Abend ersetzt keinen Integrationsgipfel, keine Debatte um das Verhältnis von Religion und Gesellschaft, keine Auseinandersetzung um Gewalt innerhalb der Kommunitäten und über diese hinaus. Aber es zeigt, wie eng wir zusammenkommen könnten, wenn wir den Fußball zum Maßstab nehmen. Denn dieser zelebriert die erste echte Europameisterschaft als eine nicht nur internationale, sondern transnationale Veranstaltung, wo nicht nur die Vertreter des alten Europa erfolgreich sind (Franzosen, Italiener, Holländer draußen, Dänen, Belgier und Engländer erst gar nicht dabei, einzig Deutsche und Spanier in der Vorschlussrunde), sondern auch die des neuen (Kroatien, Tschechien, Rumänien). Und insbesondere die, an denen auf unterschiedliche Weise die Zukunft Europas hängt (Türkei, Russland). Hier werden Grenzen gesprengt und neue Dimensionen tun sich auf.
Vielleicht wird es irgendwann gelingen, dass Sportler nicht mehr über den Misserfolg der eigenen Mannschaft trauern, weil sie zu sehr damit beschäftigt sind, sich über den Sieg des Gegners zu freuen. Dass statt doppelter Trauer, wie wir sie bei dieser EM oft erleben, doppelte Freude herrscht. Und das gleich doppelt: Beim Sieger und beim Besiegten, jeweils für beide Seiten. Jubel hoch vier, wahre Freude. Win-Win-Situation nennen das die Unternehmensberater. Schiller sprach vom „schönen Gotterfunken“. Ich sag mal: Europa der Zukunft.
(Josef Bordat)
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