Mensch Petr

By jobo72

Jubelnde Türken, trauernde Tschechen. Das Bild, das sich gestern am späten Abend bot, spricht eine eindeutige Sprache. Wen wundert’s, hatten doch die Türken in einer fulminanten Schlussphase aus einem 0:2 ein 3:2 gemacht. Die klassische Fünfakter-Dramaturgie, mit dem Fall der Helden im letzten Akt.

Doch der eigentliche Gewinner von Genf mochte sich gar nicht freuen: Petr Čech. Er hatte fünf Minuten vor Schluss einen regennassen Flankenball aus den Händen gleiten lassen und den Türken den Ausgleich ermöglicht. Hätte er den Ball wie zigtausende Male zuvor gefangen, unter sich begraben und dann weit abgeschlagen, wäre das wohl ein Symbolbild gewesen: „Ihr könnt nach Hause fahren!“ Es kam alles ganz anders und Čech war untröstlich.

Dabei ist er in dieser Szene zu den ganz Großen unter den Torhütern aufgestiegen. Erinnerungen werden wach an Toni Schumachers Luftschlag im WM-Finale 1986 gegen Argentinien (2:3) und – na, klar – an Oliver Kahns Fehlgriff 2002 gegen Brasilien (0:2). Weltklassetorhüter, denen man einen Fehler gar nicht zutraut, die man „Maschine“, „Titan“ oder „Mr. Perfect“ nennt. Sie sind durch ihre Fehler gereift und wurden vor allem eines: beliebt. Als „Big Pete“ 2005 mit seinem Club FC Chelsea 25 Spiele in Folge ohne Gegentor blieb, begannen sie in London sich ernsthaft Sorgen zu machen. Jetzt wissen sie: Es gibt keinen Grund. Tschechiens Torwart hat es allen gezeigt.

Petr Čech hat nicht nur seinem Image, sondern auch seinem Sport gedient. Er gibt sich und dem Fußball die Menschlichkeit zurück. Sein Lapsus ist eine Rebellion gegen die käufliche Unfehlbarkeit. Čech will uns sagen: Es sind nicht die Millionen, sondern die Menschen, die nach wie vor den Fußball ausmachen. Und das ist gut so. Wer erinnert sich nicht mit Schrecken an jene Null-zu-Null-Endspiele von Weltmeisterschaften und der Champions League, wo sich fehlerfreie Abwehrreihen gegenüberstanden und sich die Fußballroboter im Mittelfeld gegenseitig neutralisierten, wo niemandem der Ball versprang und wo keiner mal wegrutschte und damit dem Gegner unfreiwillig zu einer Torchance verhalf. Ohne Fehler haben wir nichts zu sehen, nichts zu lachen und nichts zu diskutieren. Zum Glück wird es immer Fehler geben. Dafür sorgen im Zweifel schon die Schiedsrichter.

Den großen Wert seines Auftritts wird Petr Čech vielleicht erst in zehn Jahren erkennen, wenn er seine Karriere mit Abstand bedenken und den Blick einmal schweifen lassen wird, weg von den Pokalen in der Vitrine, hinaus ins Leere. Was war wirklich wichtig? Er wird eine Antwort haben.

(Josef Bordat)

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