Kumpel auf Rang 155

By jobo72

Das Schöne an der Leichtathletik ist für viele ihre Objektivität. Erfolg hängt in der Leichtathletik nicht ab von Schiedsrichterentscheidungen und es ist auch nicht möglich, dass man mit einer schlechten Leistung gewinnt, weil man einfach Glück hat und mehr Treffer erzielt als der überlegene Gegner. Es gibt in der Leichtathletik keine A- und B-Note. Leistungen werden gemessen und sind damit für immer und ewig vergleichbar.

So weit die Theorie. Dass in der Praxis die beliebten Bestenlisten, welche die Leistungen über Zeit und Raum festhalten und Athleten vergleichbar machen, mit Vorsicht zu genießen sind, wissen wir nicht erst, seitdem hinter einigen Daten ein Sternchen steht, als Hinweis darauf, dass die betreffende Leistung in ihrem Zustandekommen angezweifelt wird. Doping ist jedoch nicht das einzige Phänomen, dass Bestenlisten fragwürdig macht. Die höchst unterschiedlichen Witterungsbedingungen tun ihr übriges. Zwar wird im Sprint und Weitsprung der Rückenwind angegeben (bis 2 m/s ist zulässig), aber beim Diskuswurf nicht der tragende Gegenwind. Hier zeigt ein Blick auf die Orte, an denen die Weiten erzielt wurden, dass nur selten bei großen Meisterschaften in entsprechenden Stadien weit geworfen wird. Schauplatz so mancher Bestweite war die Windwiese in der Provinz.

Dennoch ist es ein Vergnügen, in der Ewigen Bestenliste der Deutschen Leichtathletik zu schmöckern. Dort findet man dann auf den ersten 20, 30 Plätzen einen Haufen bekannter Namen und weiter hinten die Bekannten aus der aktiven Zeit. Mein alter Kumpel Markus Kuhlmann (Dinslaken) auf Rang 155 im Kugelstoßen (17,80m), Olaf Günther, damals für Bayer Uerdingen/Dormagen startend, rennt über 400 Hürden in 52,04 Sekunden auf Rang 184, Michael Gilbers, Zehnkämpfer aus dem Nachbardorf Rheurdt, schafft mit 4,80m im Stabhochsprung als 306. gerade noch den Sprung in die Liste. Erinnerungen werden wach an die Hochphase sportlicher Betätigung in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren. An die Wettkämpfe, die Lehrgänge und Trainingslager. An die Camping-Atmosphäre der Deutschen Hochschulmeisterschaften. Was aus den Leuten wohl geworden ist? Abgesehen von: 184ster der ewigen DLV-Rangliste.

Und noch eines ist gut an solchen Listen: Zu wissen, dass selbst unbesiegbar scheinende Konkurrenten hier auf den Plätzen 250 abwärts untergehen. Und: Dass man es selbst nie in die Liste geschafft hätte, selbst wenn es die eine oder andere Verletzung nicht gegeben hätte. Denn das Niveau der Breite in der Spitze ist enorm. Da sollte es leicht fallen, manche Top10-Platzierung, gerade im Wurfbereich, zu streichen. Zum Beispiel im Kugelstoßen der Frauen, wo von den besten 20 Athletinnen nur 4 aus dem Westen der Republik kommen und nur 2 Leistungen nach der Wiedervereinigung (1990) erzielt wurden. Das will nichts heißen, sollte uns aber dennoch etwas sagen. Und in einer derart bereinigten Liste würde man dann noch viel mehr Bekannte finden. Vielleicht ja auch sich selbst.

(Josef Bordat)

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2 Antworten zu „Kumpel auf Rang 155“

  1. Markus Kuhlmann sagt:

    Hallo Josef,

    lange nichts mehr von Dir gehört…darum freut es mich zu lesen, dass unsere gemeinsame Sportzeit nicht gänzlich vergessen ist. Zum Beitrag läßt sich nicht viel ergänzen.Nirgendwo wurde und wird soviel betrogen wie in der Leichtathletik, so dass diejenigen, die sich nicht diesen System unterwerfen und in der zweiten und dritten Reihe stehen, nie bis ganz nach oben kommen konnten bzw. können.
    Es ist durch B.Berendonk bekannt, wieviel Methandinon unsere deutschen Rekordhalter genommen haben, aber hinsichtlich einer Bereinigung wird auch in Zukunft nicht passieren, dafür ist unser leichtathleitsches System viel zu doppelzüngig. Der DLV ganz vorne im Kampf gegen Doping…is klar…

  2. jobo72 sagt:

    Schöne Überraschung, lieber Markus! Ich hoffe, Dir und Deiner Familie geht es gut. Vielleicht sieht man sich irgendwann mal bei Deutschen Seniorenmeisterschaften: Du als Teilnehmer, ich als Zuschauer (meine Leistungen sind mittlerweile der beste Beweis dafür, dass ich nicht dope – wäre eine Schande für jeden Pharmakonzern…;)…). Grüße aus Berlin, Josef

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