Dabeisein wäre alles
Die Aufrechterhaltung eines leichtathletischen Übungsbetriebs in den Vereinen wird aufgrund Trainermangels zusehends schwieriger
Die Leichtathletik hat es schwer. Nicht nur, dass ihr neben „König Fußball“ längst die „Formel 1“ den Rang der „Königin“ abgelaufen hat. Nicht nur, dass sie immer mehr von den Geißeln des modernen Sports getroffen wird, von Kommerz und – ja, klar! – Doping. Wer derzeit auf ein Nachrichtenportal geht, um Neues von der Leichtathletik zu erfahren, wird mit medizinischen Dossiers und juristischen Finessen versorgt. Das Bild, das unser Sport abgibt, ist alles andere als werbewirksam.
Doch, wie gesagt, nicht nur dies: Leichtathletik wird auch als olympische Ur- und Kernsportart mit dem IOC und der unsäglichen Heuchelei identifiziert, die im Interesse der Spons.. äh… Sportler die olympische Familie auf Biegen und Brechen zusammenhält, auch um den Preis fortgeschrittener Realitätsfremdheit. Wenn IOC-Vize Thomas Bach Olympische Spiele kurzerhand für „unpolitisch“ erklärt, spricht das nicht nur dafür, dass der Mann in den letzten 100 Jahren keine Zeitung gelesen hat, sondern zeigt zudem, wer Herr der Ringe ist. Olympia muss sein. Es gibt schließlich einige, die haben dafür bezahlt.
Die Probleme des Sp(r)itzensports haben die Basis längst erreicht. Eltern schicken ihre Kinder lieber zum Yoga oder in die Ballettgruppe. Potentielle Vorbilder für die Kleinen sitzen entweder in U-Haft oder kaufen sich grinsend von ihrer Schuld frei. Wofür hat(te) man Sponsoren? Es gibt keine Ulrike Meyfarth mehr, keinen Guido Kratschmer. Athleten, mit denen man gerne mal ein Bier trinken würde.
Noch größer ist die Schwierigkeit, Personal für den Trainingsbetrieb zu finden. Übungsleiter, deren Salär in Sozialprestige besteht, lassen sich unter den Bedingungen eines korrupten Leistungssports und des entsprechenden medialen Echos nur noch schwer rekrutieren. Wenn die Gefahr besteht, dass der Eintrag „ehrenamtlicher Trainer“ im Lebenslauf als „skrupelloser Drogendealer“ gelesen wird, weil der Personalverantwortliche an Thomas Springstein denkt, dann zeigt sich bald, wie die tiefe Vertrauenskrise der Leichtathletik den „Otto Normalsportler“-Verein im Kiez betreffen.
Um dieses Problem ging es auch beim Zukunftskongress des Deutschen Leichtathletik Verbandes („Leichtathletik mit Perspektive“) vergangene Woche in Kienbaum bei Berlin. Der Ökonom und Soziologe Eike Emrich, Vizepräsident des DLV, sprach vielen Vereinsfunktionären aus dem Herzen, als er darauf verwies, dass Übungsleitern ihre immaterielle Entlohnung und damit die Motivation verloren geht, denn: „Das Einzige, was wir ihnen zahlen können, sind Ehre und Anerkennung“. Gemindert werde der Wert dieser Werte von der moralischen Inkonsequenz derer, die Olympia und damit insbesondere die Leichtathletik, repräsentierten. Angesichts eines heuchlerischen IOC (Emrich: „Reden, handeln und Entscheiden sind dort entkoppelt.“) muss man sich eben als Ehrenamtlicher die Frage stellen, was die Ehrbezeugung eines unehrenhaften Systems für eine Bedeutung hat. Antwort: Richtig, etwa die des Ordens „Held der Arbeit“.
Dabei wäre eine neue Übungsleitergeneration dringend nötig, denn, allen Vorbehalten zum Trotz, sei die Leichtathletik bei den Kindern immer noch beliebt, so Fred Eberle, Zukunftsbeauftragter des DLV. Und aus Masse wird fast zwangsläufig irgendwann Klasse. Wichtig sei aber auch für Olympioniken in spe eine solide Schul- und Berufsausbildung, so Chefbundestrainer Jürgen Mallow, weil der sportliche Erfolg eben nicht sicher ist. Nicht zuletzt schützt das feste Standbein im Beruf vor den Versuchungen des Dopings. Und nur sauber erzielter Erfolg kann die Leichtathletik aus der Krise bringen.
(Josef Bordat)
Schlagworte: DLV-Tagung Kienbaum, Doping, Leichtathletik, Olympia, Trainermangel