Homo iactans. Aus dem Leben eines Diskuswerfers
Immer schon war meinem sozialen Umfeld mein Hobby – das Diskuswerfen – suspekt gewesen. Und immer, wenn ich jemanden kennen lernte, wir uns über Freizeitbeschäftigungen austauschten und ich im Verlaufe des Gesprächs dann erwähnte, ich sei leidenschaftlicher Diskuswerfer, kam entweder nur ein fragender Blick oder gleich ein halb erstauntes, halb mitleidiges „Warum denn das?“.
Nun, warum eigentlich? Bei Licht betrachtet ist das Diskuswerfen nicht nur, wie HARRIS schreibt, „a curious and illogical activity“, sondern bietet gegenüber anderen Sportarten weitere Nachteile. Denn während meine Freunde, die Fußball, Basketball oder Handball spielten, von Gemeinschaft, Spaß und (weiblichen) Fans zu berichten wussten, blieb mir nur übrig, im Kraftraum einsam eisenstemmend die konditionellen Grundlagen für meinen Sport zu erarbeiten, denn beim Fußball und Basketball mag es Talente geben, die nicht viel trainieren müssen, die einfach qua natura gut sind, beim Diskuswerden ist alles harte, harte Arbeit.
Und während die Tennisspieler (Ja, ja: der Becker-Boom…) in klimatisierter Halle beim après-jeux Cocktail schlürfend die künftigen Absolventinnen der höheren Töchterschule umgarnten, stand ich im „grünen Käfig“, um bei Wind und Wetter die ewig gleiche Bewegung zig-tausende Mal zu wiederholen, mein Sportgerät anschließend aus dem Schlamm der regendurchtränkten Wiese zu fischen und mir wegen der infolgedessen völlig verdreckten Kleidung Vorwürfe meiner Mutter anzuhören. Ich solle mal lieber Tischtennis spielen oder schwimmen. Das sei gesünder und sauberer. Es drängte sich in diesen Momenten stets ein Pendant zur SILLYTOE’schen „lonelyness of the long distance runner“ auf: die „Tristesse des Diskuswerfers“.
Diese emotionale Inferiorität meines Sport zeigt sich auch in einem anderen Phänomen: Während die anderen Sportarten via „Play-Station“ längst den Sprung ins Kinderzimmer geschafft haben und als „SoccerChampion 3“ oder „NBA-Professional“ den Gang in die Halle oder auf den Platz obsolet machen, wartet man – wenn man denn wartet – auf „DiscusThrow 2008“ bislang vergeblich. Hier bleibt es bei der harten Realität, die kein virtueller Zugang zu ersetzen vermag.
Doch die Frage bleibt: Warum werfen? Es bieten sich drei verschiedene Erklärungen an.
Zunächst ist da die historische, denn das Werfen kann wohl getrost als einer der ältesten Bewegungsabläufe überhaupt angesehen werden. Doch hier muss differenziert werden: Während das Speerwerfen nach Meinung der Anthropologen seinen Ursprung in der Jagd und im Krieg hat, also eine Männer-Domäne gewesen ist, so wird das Diskuswerfen, folgt man CASTIGLIONEs Vegetationsritus-These einem anderen – einem ganz anderen! – Bereich menschlicher Zivilisation zugeordnet: der quasi-religiösen Sorge um die Fruchtbarkeit, ein kultureller Habitus, der eher mit dem Weiblichen in Verbindung gebracht wird. Diskuswerfen – ein Mädchensport? Auch das noch!
Eine andere Erklärung muss her – schnell! Sie kann gefunden werden in der existenzphilosophischen Sinnsuche. Nach Martin HEIDEGGER müssen die Menschen als „In-die-Welt-Geworfene“ ihr „Da-Sein“ mit Sinn erfüllen. Vielleicht ist also das Diskuswerfen eine Art rebellische Befreiung vom Geworfenen zum Werfenden, gleichsam vom passiven Schicksalserdulder zum aktiven Weltgestalter. Und die „Wiederholungen“ in Kraftraum und Käfig formen jene trotzig-existentialistische Sinnfindungsstrategie des CAMUS’schen Sisyphos, den wir uns ob seiner stolz-authentischen Seinsverachtung als „glücklichen Menschen“ vorzustellen haben. Doch ist man nach einem Krafttraining mit 500 Sit-ups wirklich glücklich? Oder wenn man mal wieder 95% der Würfe weit außerhalb des Sektors platziert hat?
Hier greift nun die dritte und letzte Erklärung. Der Karlsruher Medienphilosoph Peter SLOTERDIJK hat nämlich in seinem anthropologischen Konzept dem homo ludens Friedrich SCHILLERs und Johan HUIZINGAs, den es zum Fußball treibt, den homo iactans hinzugesellt, den „genau zielenden“ Werfer. Spätestens seit der Verengung des Sektors beim Diskuswerfen bewährt sich das Menschenbild des „gezielt werfenden Wesens“. Nun, das ist zwar als Selbstbild nicht ganz so elegant wie der KANTische homo rationabile (der „zur Vernunft fähige“ Mensch) oder das Konzept des „Geistwesens“, das Max SCHELER im homo supernaturalis beschreibt, und es ist auch nicht annähernd so aufregend wie das von der Biologie favorisierte Bild des homo permanente sexualis, doch mit dem „Werfermenschen“ kann ich mich anfreunden. Denn dieses Bild ist immer noch besser als der homo demens NIETZSCHEs oder BERGSONs homo loquax (der „geschwätzige“, durch „überflüssiges Reden“ auffallende Mensch), ein anthropologisches Konzept, das zwar vor rund 100 Jahren entstand, aber trotzdem ganz gut in das Handy-Zeitalter passt („Wo bis’n du g’rade?“).
Also, dies mag genügen als Erklärung meiner Leidenschaft. Doch den wahren Kern der Liebe zur 2-Kilo-Scheibe kann nur der erfassen, der einst an einem Sommertag bei leichtem Gegenwind seinem am strahlend blauen Firmament der Ewigkeit entgegen schwebenden Gerät hinterher schauen durfte, in den lauen Traum von Unendlichkeit, Ruhm und gold’ner Ehre gehüllt, einen Traum, aus dem man jäh erwacht, wenn der Ruf der Rufe erschallt: „Ungültig!“
(Josef Bordat)
Schlagworte: Diskuswerfen