Zu Ursprung und Form des Diskuswerfens in der Antike
Im August finden die Olympischen Spiele in Peking statt. Höchstwahrscheinlich. Es ist in der Tat nicht viel, was die moderne Auflage der Olympischen Spiele mit dem antiken Olympia verbindet. Neben dem Ruhm der Sieger und der Begeisterung in seinem Heimatland sind es einige antike Disziplinen, die auch heute noch als olympische Wettbewerbe populär sind, das Laufen zum Beispiel, der Ringkampf oder auch leichtathletische Wurfdisziplinen wie Speer- und Diskuswerfen.
Doch kommt das Diskuswerfen tatsächlich aus Griechenland? Und wie entstand eigentlich diese Disziplin? Wie hat man in der Antike geworfen, wie sahen die Geräte aus und welche Weiten konnten die Menschen vor 2500 Jahren mit ihrer Technik erzielen?
Dass die leichtathletische Disziplin Diskuswerfen aus Griechenland stammt, war lange unumstritten. Die olympische Geschichte des Diskuswerfens, die Tatsache, dass Diskuswerfen eine Disziplin des antiken hellenischen Fünfkampfs (πένταJλον [pentathlon]) war und nicht zuletzt die Herkunft des Begriffs „Diskus“ vom griechischen dίσκος [diskos] - deutsch: der Teller, die Scheibe - legen eine Verortung der Ursprünge des Diskuswerfens in Griechenland nahe.
Einige Forschungsarbeiten widersprechen jedoch dieser These. So vermutet DECKER (1976), dass das Diskuswerfen aus dem vorderasiatischen Raum (Kilikien, Phönikien) bzw. aus Zypern stammt (Zum Ursprung des Diskuswerfens. In: Stadion, Nr. 2, S. 196-212, hier S. 203 u. 212). Der Umstand, dass der Bewegungsablauf des Diskuswerfens alles andere als natürlich ist (i. Ggs. zu dem beim Laufen und Springen; selbst der Speerwurf entspricht eher einer für Jäger und Krieger archaischer Völker üblichen Aktivität), sondern eher „a curious and illogical activity“ darstellt (HARRIS 1972: Sport in Greece and Rome. S. 38 ) hat zusammen mit mythischen Abbildungen auf einigen antiken Disken den Schluss nahegelegt, dass es sich beim Diskuswerfen um den Bestandteil eines ländlichen Vegetationsritus gehandelt haben könnte, wie er in Sparta im Rahmen des Hyakinthienfestes zur Austragung gelangte (CASTIGLIONE 1967: Die Diskobolia – ein Agrarritus? In: Acta Antiqua Academiae Scientiarum Hungaricae, Nr. 15, S. 409-415, hier S. 409 ff.). Andere verneinen einen möglichen kultischen Ursprung des Diskuswerfens (JÜTHNER 1965: Die athletischen Leibesübungen der Griechen, S. 255) und verweisen auf das Schleudern von Steinen bei der Jagd und im Krieg, das als Vorstufe dieses Wettkampfsports angesehen werden könne. Hierzu wird uns GIULIANI in seinem Vortrag auf den neusten Stand der Forschung bringen.
Was die Ausführung der Würfe angeht, so ist man auf literarische Quellen, Abbildungen und Monumente angewiesen, wobei die Darstellungen der bildenden Kunst viel Raum für Spekulationen lassen, weil sie ja nur Momentaufnahmen bieten und man vor allem hinsichtlich der Frage, ob aus dem Stand, aus der Drehung oder etwa mit einem Anlauf geworfen wurde, nicht viel weiter kommt. Dennoch hat die wohl bekannteste Darstellung eines Diskuswerfers, der Diskobol von MYRON (Mitte des 5. Jh. v. Chr.), JÜTHNER Anlass gegeben zu der Behauptung, der Abwurf sei nach mehrmaligen Pendelschwüngen mit dem Wurfarm aus einem kurzen Anlauf heraus erfolgt, ohne die heute übliche Drehung um die eigene Achse (S. 291). Literarische Analysen haben jedoch andere Forscher dazu veranlasst, von einer Drehbewegung vor dem Abwurf auszugehen. So vermutet HARRIS „a rotary movement of legs not unlike that of modern thrower turning in the circle“ (S. 38). Tatsächlich finden sich in den Epen Ilias und Odyssee von HOMER Beschreibungen des Diskuswerfens, in denen die Verben δινεύω und περιστρέφω verwendet werden, die beiden mit „herumdrehen“ übersetzt werden können (JÜTHNER übersieht dies keineswegs, nur übersetzt er „ausholen“ und „schleudern“). Dennoch gibt es auch Texte, die keine solche Drehbewegung beschreiben (als Beispiel sei der römische Erzähler STATIUS genannt, der ausführlich das Diskuswerfen beschreibt und dabei nichts von einer Drehbewegung erwähnt.), so dass die Kontroverse nicht letztgültig geklärt werden kann; JÜTHNERs Pendelschwung-Anlauf-These ist jedoch die Mehrheitsposition. Man darf gespannt sein, was GIULIANI dazu sagen wird.
Über die Disken der Antike weiß man durch umfangreiche Funde, dass sie aus verschiedenen Materialien hergestellt wurden (v.a. aus Eisen, Bronze und Stein), teilweise mit Verzierungen und manchmal gar mit Weiheinschriften versehen waren, dass sie einen Durchmesser von 17 bis 32 cm hatten und dass sie zwischen 4 und 5 kg wogen (JÜTHNER, S. 243 ff.). Die Wurfscheiben für Knaben waren kleiner und leichter, so wie heute im männlichen Jugendbereich auch leichtere Geräte Verwendung finden.
Über Leistungen ist wenig bekannt – jenseits der Dichtung, die einigen Helden solch großartige Leistungen zuschreibt, bei denen selbst ein Lars RIEDEL blass werden würde. So schwärmt HOMER über Odysseus, dass er nicht nur sehr klug gewesen sei, sondern auch ein hervorragender Diskuswerfer. Eine etwas seriösere Quelle berichtet über Phayllos, einen berühmten Athleten aus Kroton, dass dieser den Diskus 95 Fuß weit geworfen habe. Dabei sind delphische Fuß (entspricht 0,296 m) anzusetzen, was einer Wurfweite von 28,12 m entspricht. Gemessen an dem Gewicht des antiken Geräts, das 2- bis 2,5-mal so hoch war wie das eines heute verwendeten Diskus, eine sehr ordentliche Leistung, der heute analog eine Weite von etwa 56 bis 70 Meter entsprechen würde, im Mittel also immerhin etwa 63 Meter! In Peking wäre für Phayllos damit eine Endkampfplatzierung im Bereich des Möglichen. Doch einen Haken hat die Sache: In der vorchristlichen Antike wurde die Weite von der Abwurfstelle bis zu dem Punkt gemessen, wo der Diskus nach dem Ausrollen liegen blieb. Erst Jahrhunderte später, in byzantinischer Zeit, ermittelte man wie heute die Weite vom Abwurf bis zum Aufprall.
(Josef Bordat)