Chinas Heim- und Harnvorteil

Mai 14, 2008 by jobo72

Was bisher nur für japanische Oktoberfestbesucher ein Problem war, das stürzt jetzt Olympia in eine tiefe Krise: Den meisten Asiaten fehlen einige Enzyme, die am Abbau von Alkohol und Testosteron beteiligt sind. Das hat unterschiedliche Folgen: Können Asiaten einerseits nur wenig Bier trinken, ohne angeheitert zu sein (ein Europäer verträgt die dreifache Menge), können sie andererseits so viel Testosteron spritzen, wie sie wollen – es lässt sich bei den A-Proben nicht nachweisen, da diese allein auf den Nachweis von Abbauprodukten des männlichen Sexualhormons im Urin ausgerichtet sind. Erst im Verdachtsfall erfolgt die umfänglichere B-Probe, die den letzten Zweifel ausräumen soll, indem sie Veränderungen an den Kohlenstoffatomen im Urin nachspürt (Isotopen-Analyse). Doch dazu kommt es eben nur bei positiver A-Probe, bei den Asiaten also nur äußerst selten.

Darauf verweist das Ergebnis einer Studie des Karolinska-Instituts (Stockholm) unter der Leitung des Pharmakologen Anders Rane, auf die die Zeitung „Welt am Sonntag“ vom 11. Mai 2008 Bezug nimmt.

Schlechte Nachrichten also, so kurz vor den Spielen im Reich der Mitte(l). Die Botschaft lautet: Olympia ist nicht fair. Wenn Menschen aufgrund ihrer genetischen Konstitution systematisch durch die Maschen der Wada-Netze schlüpfen, wenn Dopingtests bei Chinesen versagen und das jetzt alle wissen, dann bleibt dem Betrachter wohl nur der Plausibilitätsansatz in der Dopingfrage: Bestimmte Leistungen sollten aufhorchen lassen, wer zu gut ist macht sich verdächtig. Besonders befriedigend ist diese Art der Nachweisführung aber nicht, setzt sie doch jeden Überflieger dem Verdacht aus, manipuliert und betrogen zu haben. Und wenn dieser dann zufällig Asiate ist, hat er keine Chance, seine Unschuld zu beweisen.

(Josef Bordat)

China, Olympia und die Medien

April 30, 2008 by jobo72

Noch ein Hinweis auf eine Veranstaltung der Heinrich-Boell-Stiftung, in Medienpartnerschaft mit der Deutschen Welle und der tageszeitung taz

„China. Öffentlichkeit und Medien im Olympiajahr 2008“

Zeit: Dienstag, 20. Mai 2008, 9 - 18 Uhr (Tagung); 19-21 Uhr (Podiumsdiskussion)

Ort: Landesvertretung Bremen, Hiroshimastr. 24, Berlin-Tiergarten

Informationen und Anmeldung bis 14. Mai unter: www.boell.de/china

(Josef Bordat)

China, Tibet, der Westen und die Spiele

April 28, 2008 by jobo72

Hinweis auf eine Veranstaltung der Heinrich-Boell-Stiftung und der tageszeitung taz

„Zwischen Boykott und Kooperation: Das Dilemma der westlichen Außenpolitik im Umgang mit China“

Zeit: Dienstag, 6. Mai 2008, 19.30 Uhr

Ort: Galerie der Heinrich-Böll-Stiftung, Rosenthaler Str. 40/41, Aufgang 1, 5. OG, Berlin-Mitte

Es nehmen teil:
Prof. Thomas Heberer (Universität Duisburg-Essen)
Stefan Kornelius (Süddeutsche Zeitung, München)
Antje Vollmer (Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags a.D., Berlin)

Moderation: Sven Hansen (taz, Berlin)

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China steht derzeit im Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit. Das Interesse richtet sich dabei auf das Gastgeberland der Olympischen Spiele 2008, die im August in Peking stattfinden (sollen). Der Auftakt des olympischen Veranstaltungskanons war mehr als holprig: Der traditionelle Fackellauf um die Welt, geplant als „Reise der Harmonie“, gerät zum Spießrutenlauf für die neue Weltmacht. Vor den anstehenden Spielen wirken die Proteste in Tibet und der im Westen überaus populäre Dalai Lama wie Katalysatoren für eine China-kritische westliche Öffentlichkeit. Am Pranger stehen Chinas Schattenseiten wie etwa die Minderheitenpolitik, mangelnde Rechtsstaatlichkeit und die Missachtung von Menschenrechten. Westliche Athleten kündigen politische Protestaktivitäten an, die Welt debattiert den Boykott der Eröffnungsfeierlichkeiten oder sogar der gesamten Spiele.

Dabei hat der Westen kein Monopol auf Boykott-Maßnahmen. In China wird mittlerweile der Boykott französischer Produkte angeregt, als Protest gegen die massive Störung des Fackellaufs in Paris. China kritisiert die westlichen Medien als einseitig, arrogant und ungerecht. Aber nicht nur in der chinesischen Regierung, sondern auch in breiten Teilen der Bevölkerung stoßen die westlichen Proteste auf Unverständnis: Sie werden nicht als Ausdruck einer demokratischen Öffentlichkeit wahrgenommen, sondern als organisiertes „Spiele –Verderben“.

Das Verhältnis zwischen China und dem Westen droht nachhaltig gestört zu werden. Manche sprechen schon von Anklängen eines „neuen kalten Krieges“. Dabei sind China und der Westen wirtschaftlich, aber zunehmend auch politisch aufs Engste miteinander verflochten. Kooperation statt Konfrontation scheint deshalb wichtiger denn je.

Die Außenpolitik Deutschlands und des Westens steht vor einem Dilemma. Wie können die wichtigen Beziehungen zu China aufrechterhalten werden, ohne die eigenen Werte zu ignorieren und die eigene demokratische Öffentlichkeit vor den Kopf zu stoßen? Das Verhalten deutscher Politikerinnen und Politiker gleicht einem delikaten Seiltanz: Kein Erscheinen der wichtigsten deutschen Vertreter auf der olympischen Eröffnungsfeier, ein Treffen der Kanzlerin mit dem Dalai Lama, gleichzeitig aber das Bemühen um gute Beziehungen und die Sorge um eine Destabilisierung Chinas mit unabsehbaren Konsequenzen für die ganze Welt: Wie sollen sich deutsche und westliche Außenpolitik in dieser brisanten Situation verhalten?

Man darf gespannt sein, welche Antworten die Runde auf diese brisante Frage gibt. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

(Josef Bordat)

Dabeisein wäre alles

April 25, 2008 by jobo72

Die Aufrechterhaltung eines leichtathletischen Übungsbetriebs in den Vereinen wird aufgrund Trainermangels zusehends schwieriger

Die Leichtathletik hat es schwer. Nicht nur, dass ihr neben „König Fußball“ längst die „Formel 1“ den Rang der „Königin“ abgelaufen hat. Nicht nur, dass sie immer mehr von den Geißeln des modernen Sports getroffen wird, von Kommerz und – ja, klar! – Doping. Wer derzeit auf ein Nachrichtenportal geht, um Neues von der Leichtathletik zu erfahren, wird mit medizinischen Dossiers und juristischen Finessen versorgt. Das Bild, das unser Sport abgibt, ist alles andere als werbewirksam.

Doch, wie gesagt, nicht nur dies: Leichtathletik wird auch als olympische Ur- und Kernsportart mit dem IOC und der unsäglichen Heuchelei identifiziert, die im Interesse der Spons.. äh… Sportler die olympische Familie auf Biegen und Brechen zusammenhält, auch um den Preis fortgeschrittener Realitätsfremdheit. Wenn IOC-Vize Thomas Bach Olympische Spiele kurzerhand für „unpolitisch“ erklärt, spricht das nicht nur dafür, dass der Mann in den letzten 100 Jahren keine Zeitung gelesen hat, sondern zeigt zudem, wer Herr der Ringe ist. Olympia muss sein. Es gibt schließlich einige, die haben dafür bezahlt.

Die Probleme des Sp(r)itzensports haben die Basis längst erreicht. Eltern schicken ihre Kinder lieber zum Yoga oder in die Ballettgruppe. Potentielle Vorbilder für die Kleinen sitzen entweder in U-Haft oder kaufen sich grinsend von ihrer Schuld frei. Wofür hat(te) man Sponsoren? Es gibt keine Ulrike Meyfarth mehr, keinen Guido Kratschmer. Athleten, mit denen man gerne mal ein Bier trinken würde.

Noch größer ist die Schwierigkeit, Personal für den Trainingsbetrieb zu finden. Übungsleiter, deren Salär in Sozialprestige besteht, lassen sich unter den Bedingungen eines korrupten Leistungssports und des entsprechenden medialen Echos nur noch schwer rekrutieren. Wenn die Gefahr besteht, dass der Eintrag „ehrenamtlicher Trainer“ im Lebenslauf als „skrupelloser Drogendealer“ gelesen wird, weil der Personalverantwortliche an Thomas Springstein denkt, dann zeigt sich bald, wie die tiefe Vertrauenskrise der Leichtathletik den „Otto Normalsportler“-Verein im Kiez betreffen.

Um dieses Problem ging es auch beim Zukunftskongress des Deutschen Leichtathletik Verbandes („Leichtathletik mit Perspektive“) vergangene Woche in Kienbaum bei Berlin. Der Ökonom und Soziologe Eike Emrich, Vizepräsident des DLV, sprach vielen Vereinsfunktionären aus dem Herzen, als er darauf verwies, dass Übungsleitern ihre immaterielle Entlohnung und damit die Motivation verloren geht, denn: „Das Einzige, was wir ihnen zahlen können, sind Ehre und Anerkennung“. Gemindert werde der Wert dieser Werte von der moralischen Inkonsequenz derer, die Olympia und damit insbesondere die Leichtathletik, repräsentierten. Angesichts eines heuchlerischen IOC (Emrich: „Reden, handeln und Entscheiden sind dort entkoppelt.“) muss man sich eben als Ehrenamtlicher die Frage stellen, was die Ehrbezeugung eines unehrenhaften Systems für eine Bedeutung hat. Antwort: Richtig, etwa die des Ordens „Held der Arbeit“.

Dabei wäre eine neue Übungsleitergeneration dringend nötig, denn, allen Vorbehalten zum Trotz, sei die Leichtathletik bei den Kindern immer noch beliebt, so Fred Eberle, Zukunftsbeauftragter des DLV. Und aus Masse wird fast zwangsläufig irgendwann Klasse. Wichtig sei aber auch für Olympioniken in spe eine solide Schul- und Berufsausbildung, so Chefbundestrainer Jürgen Mallow, weil der sportliche Erfolg eben nicht sicher ist. Nicht zuletzt schützt das feste Standbein im Beruf vor den Versuchungen des Dopings. Und nur sauber erzielter Erfolg kann die Leichtathletik aus der Krise bringen.

(Josef Bordat)

Diskuswurf-Dossier IV

April 23, 2008 by jobo72

Die griechische Kunst des Diskoswerfens. Text, Bild und Wirklichkeit

Prof. Dr. Luca Giuliani, Leiter des Wissenschaftskollegs zu Berlin, konnte neben einigen hochinteressanten philologischen Bemerkungen zum Verhältnis von Text und Bild in den historischen Wissenschaften, für den Diskuswurf folgende Feststellungen machen:

1.    In der Antike wurde nicht aus einer Pendelbewegung, sondern aus einer 180-Grad-Drehung geworfen. Der berühmte Diskobol von Myron zeigt einen Werfer, der den Diskus mit Schwung zurückführt, um dann eine Drehbewegung einzuleiten. Anders lasse sich die extreme Verwringung des Körpers nicht deuten. Zudem spreche Philostrat von einer flächigen Begrenzung des Wurfbereichs, was bei einem Pendelwurf aber keinen Sinn ergebe.
2.    Die Vorschrift, nach der von 1896 bis 1912 bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit aus einer Pendelbewegung geworfen werden musste, basiert auf einer Fehlinterpretation griechischer Statuen.
3.    Die halbe Drehung der Antike ist nicht vergleichbar mit der anderthalbfachen Drehung heute, bei der nur noch die Vorspannung (das Zurückführen des Diskus zu Beginn der Drehung) Ähnlichkeit zur antiken Technik aufweist. Durch die Größe des Wurfkreises sowie die griffige und doch ebene Oberfläche des Rings können heute weit größere Beschleunigungswerte (und Wurfweiten) erzielt werden.

Für alle, die Mühe haben, die Technik des Diskuswerfens zu erlernen, sei an die griechische Wurzel des Wortes „Technik“ erinnert: τεχνή [techné] bedeutet auch „Kunstfertigkeit“.

(Josef Bordat)

Diskuswurf-Dossier III

April 21, 2008 by jobo72

Homo iactans. Aus dem Leben eines Diskuswerfers

Immer schon war meinem sozialen Umfeld mein Hobby – das Diskuswerfen – suspekt gewesen. Und immer, wenn ich jemanden kennen lernte, wir uns über Freizeitbeschäftigungen austauschten und ich im Verlaufe des Gesprächs dann erwähnte, ich sei leidenschaftlicher Diskuswerfer, kam entweder nur ein fragender Blick oder gleich ein halb erstauntes, halb mitleidiges „Warum denn das?“.

Nun, warum eigentlich? Bei Licht betrachtet ist das Diskuswerfen nicht nur, wie HARRIS schreibt, „a curious and illogical activity“, sondern bietet gegenüber anderen Sportarten weitere Nachteile. Denn während meine Freunde, die Fußball, Basketball oder Handball spielten, von Gemeinschaft, Spaß und (weiblichen) Fans zu berichten wussten, blieb mir nur übrig, im Kraftraum einsam eisenstemmend die konditionellen Grundlagen für meinen Sport zu erarbeiten, denn beim Fußball und Basketball mag es Talente geben, die nicht viel trainieren müssen, die einfach qua natura gut sind, beim Diskuswerden ist alles harte, harte Arbeit.

Und während die Tennisspieler (Ja, ja: der Becker-Boom…) in klimatisierter Halle beim après-jeux Cocktail schlürfend die künftigen Absolventinnen der höheren Töchterschule umgarnten, stand ich im „grünen Käfig“, um bei Wind und Wetter die ewig gleiche Bewegung zig-tausende Mal zu wiederholen, mein Sportgerät anschließend aus dem Schlamm der regendurchtränkten Wiese zu fischen und mir wegen der infolgedessen völlig verdreckten Kleidung Vorwürfe meiner Mutter anzuhören. Ich solle mal lieber Tischtennis spielen oder schwimmen. Das sei gesünder und sauberer. Es drängte sich in diesen Momenten stets ein Pendant zur SILLYTOE’schen „lonelyness of the long distance runner“ auf: die „Tristesse des Diskuswerfers“.

Diese emotionale Inferiorität meines Sport zeigt sich auch in einem anderen Phänomen: Während die anderen Sportarten via „Play-Station“ längst den Sprung ins Kinderzimmer geschafft haben und als „SoccerChampion 3“ oder „NBA-Professional“ den Gang in die Halle oder auf den Platz obsolet machen, wartet man – wenn man denn wartet – auf „DiscusThrow 2008“ bislang vergeblich. Hier bleibt es bei der harten Realität, die kein virtueller Zugang zu ersetzen vermag.

Doch die Frage bleibt: Warum werfen? Es bieten sich drei verschiedene Erklärungen an.

Zunächst ist da die historische, denn das Werfen kann wohl getrost als einer der ältesten Bewegungsabläufe überhaupt angesehen werden. Doch hier muss differenziert werden: Während das Speerwerfen nach Meinung der Anthropologen seinen Ursprung in der Jagd und im Krieg hat, also eine Männer-Domäne gewesen ist, so wird das Diskuswerfen, folgt man CASTIGLIONEs Vegetationsritus-These einem anderen – einem ganz anderen! - Bereich menschlicher Zivilisation zugeordnet: der quasi-religiösen Sorge um die Fruchtbarkeit, ein kultureller Habitus, der eher mit dem Weiblichen in Verbindung gebracht wird. Diskuswerfen - ein Mädchensport? Auch das noch!

Eine andere Erklärung muss her – schnell! Sie kann gefunden werden in der existenzphilosophischen Sinnsuche. Nach Martin HEIDEGGER müssen die Menschen als „In-die-Welt-Geworfene“ ihr „Da-Sein“ mit Sinn erfüllen. Vielleicht ist also das Diskuswerfen eine Art rebellische Befreiung vom Geworfenen zum Werfenden, gleichsam vom passiven Schicksalserdulder zum aktiven Weltgestalter. Und die „Wiederholungen“ in Kraftraum und Käfig formen jene trotzig-existentialistische Sinnfindungsstrategie des CAMUS’schen Sisyphos, den wir uns ob seiner stolz-authentischen Seinsverachtung als „glücklichen Menschen“ vorzustellen haben. Doch ist man nach einem Krafttraining mit 500 Sit-ups wirklich glücklich? Oder wenn man mal wieder 95% der Würfe weit außerhalb des Sektors platziert hat?

Hier greift nun die dritte und letzte Erklärung. Der Karlsruher Medienphilosoph Peter SLOTERDIJK hat nämlich in seinem anthropologischen Konzept dem homo ludens Friedrich SCHILLERs und Johan HUIZINGAs, den es zum Fußball treibt, den homo iactans hinzugesellt, den „genau zielenden“ Werfer. Spätestens seit der Verengung des Sektors beim Diskuswerfen bewährt sich das Menschenbild des „gezielt werfenden Wesens“. Nun, das ist zwar als Selbstbild nicht ganz so elegant wie der KANTische homo rationabile (der „zur Vernunft fähige“ Mensch) oder das Konzept des „Geistwesens“, das Max SCHELER im homo supernaturalis beschreibt, und es ist auch nicht annähernd so aufregend wie das von der Biologie favorisierte Bild des homo permanente sexualis, doch mit dem „Werfermenschen“ kann ich mich anfreunden. Denn dieses Bild ist immer noch besser als der homo demens NIETZSCHEs oder BERGSONs homo loquax (der „geschwätzige“, durch „überflüssiges Reden“ auffallende Mensch), ein anthropologisches Konzept, das zwar vor rund 100 Jahren entstand, aber trotzdem ganz gut in das Handy-Zeitalter passt („Wo bis’n du g’rade?“).

Also, dies mag genügen als Erklärung meiner Leidenschaft. Doch den wahren Kern der Liebe zur 2-Kilo-Scheibe kann nur der erfassen, der einst an einem Sommertag bei leichtem Gegenwind seinem am strahlend blauen Firmament der Ewigkeit entgegen schwebenden Gerät hinterher schauen durfte, in den lauen Traum von Unendlichkeit, Ruhm und gold’ner Ehre gehüllt, einen Traum, aus dem man jäh erwacht, wenn der Ruf der Rufe erschallt: „Ungültig!“

(Josef Bordat)

Diskuswurf-Dossier II

April 20, 2008 by jobo72

Zu Ursprung und Form des Diskuswerfens in der Antike

Im August finden die Olympischen Spiele in Peking statt. Höchstwahrscheinlich. Es ist in der Tat nicht viel, was die moderne Auflage der Olympischen Spiele mit dem antiken Olympia verbindet. Neben dem Ruhm der Sieger und der Begeisterung in seinem Heimatland sind es einige antike Disziplinen, die auch heute noch als olympische Wettbewerbe populär sind, das Laufen zum Beispiel, der Ringkampf oder auch leichtathletische Wurfdisziplinen wie Speer- und Diskuswerfen.

Doch kommt das Diskuswerfen tatsächlich aus Griechenland? Und wie entstand eigentlich diese Disziplin? Wie hat man in der Antike geworfen, wie sahen die Geräte aus und welche Weiten konnten die Menschen vor 2500 Jahren mit ihrer Technik erzielen?

Dass die leichtathletische Disziplin Diskuswerfen aus Griechenland stammt, war lange unumstritten. Die olympische Geschichte des Diskuswerfens, die Tatsache, dass Diskuswerfen eine Disziplin des antiken hellenischen Fünfkampfs (πένταJλον [pentathlon]) war und nicht zuletzt die Herkunft des Begriffs „Diskus“ vom griechischen dίσκος [diskos] - deutsch: der Teller, die Scheibe - legen eine Verortung der Ursprünge des Diskuswerfens in Griechenland nahe.

Einige Forschungsarbeiten widersprechen jedoch dieser These. So vermutet DECKER (1976), dass das Diskuswerfen aus dem vorderasiatischen Raum (Kilikien, Phönikien) bzw. aus Zypern stammt (Zum Ursprung des Diskuswerfens. In: Stadion, Nr. 2, S. 196-212, hier S. 203 u. 212). Der Umstand, dass der Bewegungsablauf des Diskuswerfens alles andere als natürlich ist (i. Ggs. zu dem beim Laufen und Springen; selbst der Speerwurf entspricht eher einer für Jäger und Krieger archaischer Völker üblichen Aktivität), sondern eher „a curious and illogical activity“ darstellt (HARRIS 1972: Sport in Greece and Rome. S. 38 ) hat zusammen mit mythischen Abbildungen auf einigen antiken Disken den Schluss nahegelegt, dass es sich beim Diskuswerfen um den Bestandteil eines ländlichen Vegetationsritus gehandelt haben könnte, wie er in Sparta im Rahmen des Hyakinthienfestes zur Austragung gelangte (CASTIGLIONE 1967: Die Diskobolia – ein Agrarritus? In: Acta Antiqua Academiae Scientiarum Hungaricae, Nr. 15, S. 409-415, hier S. 409 ff.). Andere verneinen einen möglichen kultischen Ursprung des Diskuswerfens (JÜTHNER 1965: Die athletischen Leibesübungen der Griechen, S. 255) und verweisen auf das Schleudern von Steinen bei der Jagd und im Krieg, das als Vorstufe dieses Wettkampfsports angesehen werden könne. Hierzu wird uns GIULIANI in seinem Vortrag auf den neusten Stand der Forschung bringen.

Was die Ausführung der Würfe angeht, so ist man auf literarische Quellen, Abbildungen und Monumente angewiesen, wobei die Darstellungen der bildenden Kunst viel Raum für Spekulationen lassen, weil sie ja nur Momentaufnahmen bieten und man vor allem hinsichtlich der Frage, ob aus dem Stand, aus der Drehung oder etwa mit einem Anlauf geworfen wurde, nicht viel weiter kommt. Dennoch hat die wohl bekannteste Darstellung eines Diskuswerfers, der Diskobol von MYRON (Mitte des 5. Jh. v. Chr.), JÜTHNER Anlass gegeben zu der Behauptung, der Abwurf sei nach mehrmaligen Pendelschwüngen mit dem Wurfarm aus einem kurzen Anlauf heraus erfolgt, ohne die heute übliche Drehung um die eigene Achse (S. 291). Literarische Analysen haben jedoch andere Forscher dazu veranlasst, von einer Drehbewegung vor dem Abwurf auszugehen. So vermutet HARRIS „a rotary movement of legs not unlike that of modern thrower turning in the circle“ (S. 38). Tatsächlich finden sich in den Epen Ilias und Odyssee von HOMER Beschreibungen des Diskuswerfens, in denen die Verben δινεύω und περιστρέφω verwendet werden, die beiden mit „herumdrehen“ übersetzt werden können (JÜTHNER übersieht dies keineswegs, nur übersetzt er „ausholen“ und „schleudern“). Dennoch gibt es auch Texte, die keine solche Drehbewegung beschreiben (als Beispiel sei der römische Erzähler STATIUS genannt, der ausführlich das Diskuswerfen beschreibt und dabei nichts von einer Drehbewegung erwähnt.), so dass die Kontroverse nicht letztgültig geklärt werden kann; JÜTHNERs Pendelschwung-Anlauf-These ist jedoch die Mehrheitsposition. Man darf gespannt sein, was GIULIANI dazu sagen wird.

Über die Disken der Antike weiß man durch umfangreiche Funde, dass sie aus verschiedenen Materialien hergestellt wurden (v.a. aus Eisen, Bronze und Stein), teilweise mit Verzierungen und manchmal gar mit Weiheinschriften versehen waren, dass sie einen Durchmesser von 17 bis 32 cm hatten und dass sie zwischen 4 und 5 kg wogen (JÜTHNER, S. 243 ff.). Die Wurfscheiben für Knaben waren kleiner und leichter, so wie heute im männlichen Jugendbereich auch leichtere Geräte Verwendung finden.

Über Leistungen ist wenig bekannt – jenseits der Dichtung, die einigen Helden solch großartige Leistungen zuschreibt, bei denen selbst ein Lars RIEDEL blass werden würde. So schwärmt HOMER über Odysseus, dass er nicht nur sehr klug gewesen sei, sondern auch ein hervorragender Diskuswerfer. Eine etwas seriösere Quelle berichtet über Phayllos, einen berühmten Athleten aus Kroton, dass dieser den Diskus 95 Fuß weit geworfen habe. Dabei sind delphische Fuß (entspricht 0,296 m) anzusetzen, was einer Wurfweite von 28,12 m entspricht. Gemessen an dem Gewicht des antiken Geräts, das 2- bis 2,5-mal so hoch war wie das eines heute verwendeten Diskus, eine sehr ordentliche Leistung, der heute analog eine Weite von etwa 56 bis 70 Meter entsprechen würde, im Mittel also immerhin etwa 63 Meter! In Peking wäre für Phayllos damit eine Endkampfplatzierung im Bereich des Möglichen. Doch einen Haken hat die Sache: In der vorchristlichen Antike wurde die Weite von der Abwurfstelle bis zu dem Punkt gemessen, wo der Diskus nach dem Ausrollen liegen blieb. Erst Jahrhunderte später, in byzantinischer Zeit, ermittelte man wie heute die Weite vom Abwurf bis zum Aufprall.

(Josef Bordat)

Diskuswurf-Dossier I

April 19, 2008 by jobo72

Hinweis auf eine Veranstaltung an der TU Berlin

Vortrag

Die griechische Kunst des Diskoswerfens. Text, Bild und Wirklichkeit

Mit diesem Thema wird sich Prof. Dr. Luca Giuliani, Leiter des Wissenschaftskollegs zu Berlin, auf Einladung des TU-Präsidenten und der Gesellschaft von Freunden in einem Festvortrag an der TU Berlin beschäftigen.

Zeit:
am Dienstag, dem 22. April 2008, 18.00 Uhr

Ort:
Hauptgebäude der TU Berlin, Straße des 17. Juni 135, 10623 Berlin
Raum H 1058

Inhalt:
Hyakinthos war der Name eines schönen jungen Mannes, der von Apollon und vom Windgott Zephyros umworben wurde. Der Windgott zog den Kürzeren und rächte sich auf grausame Weise: als sich Apollon und Hyakinthos zum Zeitvertreib im Diskoswurf übten, leitete der Windgott den von Apollon geworfenen Diskos so um, dass die Scheibe den zuschauenden Hyakinthos am Kopf traf und tötete. Aus dem Blut des jungen Mannes spross darauf die erste Hyazinthe empor. Diese Situation muss ein antikes Gemälde festgehalten haben, denn in einem Kapitel der Eikónes (Bilder) beschreibt Lucius Flavius Philostrat es um 200 nach Christus. Die Eikónes gehören zu den Glanzstücken griechischer Literatur der römischen Kaiserzeit. Viele Generationen von Interpreten haben seitdem versucht, aus den detaillierten Beschreibungen des Philostrat verlorene antike Gemälde zu rekonstruieren. In seinem Vortrag wird sich Professor Luca Giuliani mit den Möglichkeiten befassen, eine solche Rekonstruktion aus dem alten Text vorzunehmen, noch vorhandene antike Statuen dabei zu Rate ziehen und sich dabei auch mit der neueren Geschichte und Technik einer leichtathletischen Disziplin befassen.

(Josef Bordat)